Was heisst hier Erfolg

Was heisst hier Erfolg?

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Eine Gelegenheit, die viele nutzen, um Revue passieren zu lassen, was sie in diesem Jahr erreicht haben. Um sich zu fragen: “Hat es sich gelohnt? War es ein erfolgreiches Jahr?” Eine gute Frage, wie ich finde. Eine Frage, die eine genauere Untersuchung verdient. Denn Sie wissen ja: ich nehme nichts als gegeben und stelle alles in Frage. In diesem Fall eine Frage selbst.

Wie beantworten Sie diese Frage? Waren Sie erfolgreich? Überdurchschnittlich erfolgreich? Sind Sie rundherum zufrieden?
Herzlichen Glückwunsch!! Ich rate Ihnen eindringend: lesen Sie bitte nicht weiter. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.

Sie sind noch da? Sie sind nicht ganz zufrieden? Sie haben das Gefühl nicht so erfolgreich zu sein, wie Sie sich das wünschen? Nun denn, ran an die Bulletten (1. Teil).

Nehmen wir diese Sache mal unter die Lupe. Wie Sie die Frage nach Erfolg oder Misserfolg beantworten, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, woran Sie Erfolg messen:

  • An den Zielen, die Sie sich selbst gesteckt haben? (Haben Sie sich überhaupt klare Ziele gesteckt?)
  • An den “allgemein gültigen” Zielen unserer Gesellschaft, Ihrer Freunde und Kollegen?
  • An dem etwa, was allgemein als erstrebenswert und wichtig gilt?

Und was heisst Erfolg? Dass Sie Ihre Ziele in vollem Umfang erreicht haben? Dass Sie wesentliche Teilziele erreicht haben?
Oder auch: dass Sie auf dem Weg zu Ihrem Ziel ganz andere Erfolge feierten, als die geplanten?

Niemand ist so hart mit uns, wie wir selbst. Das Dumme ist nur, dass wir nicht froh dabei werden. Vielleicht braucht es gar nicht so viel, um zufrieden mit dem eigenen Leben zu sein. Vielleicht nur ein bisschen mehr Beweglichkeit bezogen auf uns selbst und die Kriterien, die wir an unser Leben und Leisten anlegen.

Wenn Sie sich als nicht so erfolgreich einschätzen:
Haben Sie sich Unmögliches vorgenommen? Haben Sie die Kriterien für wohlgeformte Ziele ausser acht gelassen? Klein, messbar, sinnesspezifisch, selbst-initiierbar, interessant? Haben Sie einmal mehr so getan, als wären grosse Projekte kleine Ziele? Haben Sie sich zu wenig um Unterstützung gekümmert: von Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen, Profis? Sind Sie sehr anspruchsvoll und grundsätzlich selten zufrieden mit Ihren Ergebnissen?

Ich möchte Ihnen vorschlagen, die ursprüngliche Frage zu erweitern, sodass die Ergebnisse freundlicher, ressourcenvoller und lösungsorientierter werden. Einverstanden?

Ran an die Bulletten (2. Teil).
Wie hat Sie dieses Jahr reicher gemacht - an Erfahrung, an Wissen, an Beziehungen? Was haben Sie Neues gelernt über ihre Mitmenschen, ihre Freunde, Kollegen, ihre Welt?

Inwiefern hat dieses Jahr Ihren Dickkopf ein bisschen dünner gemacht und Ihre Rüstung weicher? Durch welche Erlebnisse sind Sie weiser geworden und wo konnten Sie zum Glück und Erfolg anderer ein kleines Stückchen beitragen? Worüber konnten Sie sich freuen, wie ein kleines Kind? Welche Momente haben Sie in unglaublicher Intensität genossen? Wo konnten und können Sie jetzt besser über sich selbst lachen? Welche Schicksalsschläge haben Sie zugleich offener und stärker gemacht?

Und was lernen Sie aus alledem für das kommende Jahr: Ihre Prioritäten, Ihre Ausrichtung, Ihre Projekte und Wünsche?

Wie wesentlich es für Sie ist, die Frage nach dem Erfolg positiv zu beantworten, hängt davon ab, ob Sie Erfolg als etwas Wesentliches empfinden. Und davon, ob Sie sich selbst sehr stark über Erfolg und Niederlage definieren. Wie wäre es, wenn Sie sich daran messen würden, wieviel Geschick und wieviel Mut Sie an grossen Herausforderungen beweisen, auch wenn Ihnen ein endgültiger Erfolg manchmal verwehrt bleibt. Denn was heisst schon endgültig?

Wie wäre es damit:
Das Wichtigste, dass es, früher oder später, zu entwickeln gilt, ist die Fähigkeit, die hehren Ziele, Erfolge und all das Erreichte loslassen zu können. Wieso nicht jetzt damit anfangen?

Ich behaupte zweierlei:

  1. “Erfolge” sind die Zwischenstationen eines engagierten und erfüllten Lebens.
  2. “Misserfolge” sind die Zwischenstationen eines engagierten und erfüllten Lebens.

Was lernen wir daraus? Ein engagiertes und erfülltes Leben ist nicht abhängig von Erfolg und Misserfolg, sondern misst sich an anderem. Für mein Gefühl daran, ob wir unsere Potentiale entwickeln, unsere Fähigkeiten und unsere Energie in den wesentlichen Bereichen unseres Lebens einbringen, authentisch und lebendig unsere Beziehungen leben und unseren Stolz und falschen Ehrgeiz loszulassen bereit sind.

In diesem Sinne möchte ich hier noch ein Text, den ich sehr inspirierend finde, zitieren. Gemeinhin wird er Jorge Luis Borges zugeschrieben:

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
würde ich im nächsten Leben versuchen:
mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weisst, aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich vom Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst hinein barfuss gehen.

In diesem Sinne (barfuss in Flipflops an meinem Schreibtisch):
Ihnen noch eine besinnliche und entspannte Adventszeit.

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