Stinkender Fisch?

Stinkender Fisch?

Nach dem ich gerade über die Online-Rezensionen auf Amazon geflogen bin, war ich schon fast geneigt, das Buch “FISH!” (Stephen C. Lundin, Harry Paul, John Christensen), ein Buch über Mitarbeitermotivation im Unternehmen, als Bezugspunkt für meine heutigen Ausführungen fallenzulassen. “Natürlich kann der demotivierte Büromensch etwas lernen, wenn er anderen bei der Arbeit zusieht, die mehr Spaß haben, zum Beispiel Fischverkäufern. Aber wer selbst eine Führungsposition bekleidet (wie ich), der weiß auch: Meist stinkt der “Fisch” vom Kopf her, meist sind verkrustete Strukturen in der Hierarchie eine große Bremse.” schreibt da ein Rezensent und merkt gar nicht, dass er nicht die Bohne von dem verstanden hat, wovon das genannte Buch handelt.

1997 habe ich in der Justizvollzugsanstalt Diez die externe Suchtberatungsstelle der Diakonie aufgebaut. Nach und nach hatte ich einen brauchbaren “Kundenstamm” aus einem Pool von 600 Langzeitinhaftierten: sozusagen der Crème de la Crème der rheinland-pfälzischen Kriminalitätselite, denen ich mit meiner Beratung Gutes tun wollte und ab und an wohl auch tat. Ich habe tagtäglich Menschen beraten, die als Abschaum der Gesellschaft angesehen werden (und sich selbst so fühlen), keinerlei Perspektive auf ein angenehmes Leben haben (ausser auf Sonnenauf und -untergang, so Ihr Zellenfenster nicht nach Norden weist) und zum Teil noch fünfzehn Jahre Strafvollzug mit anschliessender zehnjähriger Sicherheitsverwahrung vor sich hatten. Es ist wahrlich bedrückend, sich vorzustellen, dass Menschen, mit denen ich damals arbeitete, heute, zehn Jahre später, gerade mal zwei Drittel ihrer Haftstrafe verbüsst haben.

“Deprimierend”, denken Sie? Genau! Eine weitere deprimierende Geschichte gefällig?

Ich habe hier noch eine ganz alltägliche, wie Sie sie tausendfach hören, lesen, beobachten können: Ein sympathischer, eigentlich witziger und geistreicher Bekannter, macht seit Jahren einen Job, der ihm völlig gegen den Strich geht. Kunden aus der Patsche helfen, permanent auf Anforderungen von aussen reagieren, jedes Bestreben, mitzugestalten im Keim erstickt und das alles zu einem Lohn, den man nicht mal als angemessenes Schmerzensgeld beschreiben darf. Wenig Spielraum, wenig Einflussmöglichkeit und keine Aussicht auf Änderung in Sicht. Opfer der Umstände. Gefangener der Strukturen, Mitmenschen und frag-mich-nicht-was.

Und fühlen sich viele Unternehmer nicht in ähnlicher Situation? Der (Un-)Gunst der Stunde, den Ups und Downs des eigenen Marktwertes ausgeliefert? Eingeklemmt zwischen aufsteigenden Wirtschaftsmächten, wie China, Indien? Erdrückt vom Lohndumping der osteuropäischen Länder?

Wir fühlen uns allzu oft als Opfer misslicher Umstände und gewissermassen ohnmächtig gegenüber dem Lauf der Dinge. Aber sind wir das wirklich? Sind wir Opfer? Sind wir tatsächlich abhängig von unseren aktuellen Möglichkeiten, die Dinge äusserlich zu beeinflussen? Sind wir wirklich Ausgelieferte? Oder sind wir Gestalter unserer Welt?

Der Rezensent von oben kommt mit seiner Aussage allzu schwachbrüstig daher, nicht weil er vollkommen unrecht hätte. Natürlich sind wir bestimmt durch die Umstände. Natürlich leben wir in wechelseitiger Abhängigkeit mit der Welt, die uns umgibt. Aber macht uns das schon zu Opfern? Der Text des Rezensenten ist schwach, weil er den Menschen, die Führungskraft, den Mitarbeiter implizit freispricht von ihrer Verantwortung für ihr Leben und Handeln.

Wie mein Bekannter, wie all jene, welche die Umstände verantwortlich machen und sich und die anderen verführen, Opfer zu sehen, wo wir es mit verantwortlichen Akteuren und Handelnden zu tun haben. Ebenso schwachbrüstig war ich in meiner Knastzeit: das System, die Strukturen, die Umstände, die armen Inhaftierten haben solch ein schreckliches Leben. Ach wäre nur alles anders, dann wäre alles einfach: Pustekuchen!!

Ich bereue heute aufrichtig, dass ich in meiner Arbeit mit den Gefangenen nicht mehr Ausdauer besass, sie zu unterstützen, Ihre Spielräume zu nutzen. Spielräume die sich öffnen können hin zu einem leidenschaftlicheren, leistungsorientierten und leichteren Leben. Es gibt keinerlei Grund, Entschuldigung oder was auch immer, für nicht-genutzte Gelegenheiten und Möglichkeiten. Es gibt keinen Ansatzpunkt, der zu schwach, klein und unbedeutend wäre, als dass er nicht genutzt werden könnte.

Das Buch “FISH!” ist flach wie eine Flunder. Die Story so hahnebüchen konstruiert, dass ich grosse Schwierigkeiten hatte, dranzubleiben und dem Drang, das Medium in den Müll zu befördern, mehrfach widerstehen musste. Das mag an der Übersetzung liegen, aber sehr wahrscheinlich liegt es daran, das die Autoren eine Riesenschnulze um einige Anregungen drapierten, die dann doch ihre Berechtigung haben.

Ich erspare Ihnen eine Wiedergabe der Inhalte. Aber eine dieser Anregungen möchte ich hier noch schnell aufgreifen und ein brauchbares, prägnantes Konzept der Selbststeuerung weitergeben.

“Wähle Deine Einstellung.”

Das klingt wie Achtziger-Jahre-New-Age-Bla-Bla schlechtgekleideter, unglaubwürdiger Motivationsspezialisten. Das klingt nach Dale Carnegie und anderen Vertretern der “Denke-positiv-und-alles-wird-gut”-Fraktion. Doch mitnichten…

Viktor E. Frankl, der Begründer der dritten Wiener Therapieschule (neben Freud und Jung), der Logotherapie, legt in seinem Buch “trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.” Zeugnis von seinem Martyrium im Konzentrationslager “Ausschwitz” ab, wo er seine ganze Familie verlor. In seiner Therapieschule geht es überwiegend um die Frage nach dem Sinn und darum, wie wir in jeder Situation, auf die Frage nach Sinn, die wir nicht dem Leben stellen dürfen, sondern die das Leben uns stellt, antworten können.

Er ging so weit, zu sagen, dass wir, wenn wir schon nicht frei sind, der Folter, inhumaner Behandlung und der Entwürdigung zu entkommen, wir doch die absolute Freiheit behalten, welche Haltung wir gegenüber diesen Geschehnissen und den Menschen, die uns das antun, einnehmen. Was ihn, angesichts des Unfassbaren, davor bewahrt hat, den Verstand und sein Leben zu verlieren, war das unumstössliche Festhalten an seiner eigenen Vision von Menschlichkeit und seinen eigenen Werten. Damit hat er sich im Schlimmsten die letzte, äusserste Freiheit, die dem Menschen zur Verfügung steht, bewahrt.

Um ein weniger drastisches Beispiel anzuführen: in einem Bericht, den ich vor einigen Jahren las, war die Rede von einem Mautkassierer an der Golden Gate Bridge. Der langweiligste Job, den man sich vorstellen kann. Tagein, tagaus, irgendwelche Menschen in irgendwelchen Autos, die ihre Gebühr bezahlen müssen, um auf die andere Seite zu gelangen. Aus die Maus. Nur gab es hier völlig Genervte und Frustrierte, die ihren Job mit absoluter Abscheu und einen, welcher seine Arbeit mit grösster Freude erledigte. Erstere quälten sich durch jeden neuen Arbeitstag, letzterer hatte so viel Spass, wie die Menschen in den Autos, denen er, wenn auch nur kurz, mit Witz, Esprit, Freundlichkeit und Charme begegnete.

Vielleicht klingt das platt. Vielleicht klingt sie nach amerikanischem Zuckerwatte-Geschwätz, diese Behauptung, wir hätten die Wahl bezüglich unserer Einstellung und damit die Macht, Einfluss zu nehmen. Und vielleicht klingt sie vor allem dann platt, wenn wir sie auf die unmittelbare Wirkung hin prüfen. Aber es geht nicht nur um den gegenwärtigen Moment und die Wirkungen, die wir in der Gegenwart hervorbringen. Es geht auch und vor allem darum, welche Wirklichkeit wir mit unserer inneren Haltung, unserem Denken für eine nahe und ferne Zukunft für uns und die anderen schaffen. Von entscheidender Bedeutung ist es, ob wir mit unseren Gedanken und unserem Handeln, auch in schwierigen Situationen, den Samen für zukünftiges Glück, zukünftigen Erfolg, zukünftige Erfüllung und eine gesunde Welt ausbringen oder den Samen der Gleichgültigkeit, der Mutlosigkeit, der Sorge und der Angst.

Egal wie schwierig die Umstände, egal wie eng unser Handlungsspielraum, egal wie gross die Bedrohung durch Mitbewerber, potente Wirtschaftsmächte, egal wie verzweifelt eine Lage: die Wahl der eigenen Haltung, die Freiheit, den eigenen Grundwerten und den eigenen Visionen für das Unternehmen, für das Gemeinwesen, für die Welt in der wir leben, treu zu bleiben, haben wir immer. Und damit haben wir in jeder Situation die Kraft und die Macht, selbstverantwortlich und mutig zu leben.

Stinkender Fisch? Entscheiden Sie selbst.

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