Need for speed.

Manch einer könnte sich schwer tun zu rechtfertigen, warum er manchmal nachts um zwei Uhr noch über seinem Rechner oder seinen Blättern sitzt. Allen guten Ratschlägen der Gesundheitsspezialisten zum trotz. Auch jenen des Körpers, welcher uns mit gnadenloser Regelmässigkeit (und Konsequenz) zurück an den Boden nagelt. Allein Rechtfertigungen sind so langweilig. Niemand würde heute fragen, warum sich Kafka die Nächte um die Ohren schrieb. Wer könnte ihm verzeihen, hätte er es versäumt? Aber es soll hier nicht um die Qualität der kreativen und mentalen Ergüsse gehen oder ihren Wert für die Um- und Nachwelt.

Es ist nur allzu offensichtlich, das soll hier Thema sein, warum klassische Work-Life-Balance- und Selbstmanagement-Ansätze, welche schon unter normalen Bedingungen schwer auf die Strasse zu bringen sind, bei Kreativen und Hochbegabten völlig zum Scheitern verurteilt sind. Von einem Exkurs über das Schlafbedürfnis Hochbegabter und Kreativer und die Wohltaten des stillen nächtlichen, arbeitsamen Alleinseins für einen hochproduktivitätsgierigen Familienmenschen will ich hier heute absehen. Darauf komme ich ein anderes mal zurück.

Natürlich ist nicht jeder begabte Wilde oder mit der Lizenz zum Wildsein Ausgestatte in der Situation, unter der Vielfalt seiner Möglichkeiten zu leiden. Für alle jedoch gilt, dass es mit Prioritäten, Eisenhower-Gedöhns, Pareto-Prinzip, positiven Affirmationen und Entspannungstechniken nicht getan ist. Im Gegenteil: Versuche, auf diesem Wege das eigene Leben “in den Griff zu bekommen” können das Gefühl des totalen Scheiterns noch vergrössern. Wie alle Versuche übrigens, auf trivialem Wege erledigen zu wollen, was, in den ersten Schritten jedenfalls, ein wenig komplexer ist.

Ein Porsche mit angezogener Handbremse und einhundertvierzig Stundenkilometern auf der Landstrasse stinkt und raucht einfach. Da hilft kein Aromabäumchen im Innenraum, da helfen auch keine zwanzig. Da hilft kein besserer Sprit, kein schöner Spoiler, keine breiten Reifen, keine Schalensitze und auch kein Fahrertraining. Nicht für die Landstrasse.

“Die Handbremse lösen” denken Sie. Aber das Geschoss ist schon mit einhundertvierzig auf der Landstrasse unterwegs und der Fuss liegt bleiern auf dem Gaspedal: “Need for speed!” Porsche und Porschefahrer sind nicht für die Landstrasse gemacht, noch weniger für den Stadtverkehr. Dies Wissen nützt dem Fahrer allerdings wenig, wenn er sich in einem Fiat fünfhundert glaubt und seine Fähigkeit einen Rennwagen zu kontrollieren für dubios, wenn nicht gestört oder grössenwahnsinnig hält. (Aber auch dies wäre ein Exkurs, welcher den hier gesteckten Rahmen sprengt.)

Ein Porschefahrer gehört mit seinem Vehikel auf die Autobahn und, um sich auf die Autobahn vorzubereiten, auf die Rennstrecke. Alles andere ist Pillepalle.

Wenn das Stinken aufhören soll, muss der Porsche dorthin, wo er hingehört und der Fahrer dort trainieren und lernen, wo er niemanden durch Geschwindigkeit und Unbändigkeit gefährdet. Es gibt nur einen Weg, das Stinken zu beenden: die Zeit auf der Landstrasse auf ein Minimum zu reduzieren. Der Rest erledigt sich dann von selbst, denn jeder Porschefahrer weiss sehr wohl, dass er und sein Fahrzeug sich erholen müssen, von Zeit zu Zeit, wenn beide auf ihre Kosten gekommen sind.

Der einzige Weg für Hochbegabte und Kreative so etwas ähnliches wie Balance in ihrem Leben (auf dem Hochseil) zu erreichen liegt dort, wo sie sich in den Dingen des Alltags so austoben können, dass sie zufrieden ins Bett fallen - zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer. Das Nicht-merken oder Zu-deuten-Wissen der eigenen Bedürftigkeit nach angemessenen Anforderungen und Ausdrucksmöglichkeiten kann sonst dazu führen, dass sie sich die Nächte um die Ohren schlagen und sogar dabei erfolglos bezogen auf ihre Bedürftigkeit bleiben. Was dem Porschefahren mit angezogener Handbremse auf der Autobahn gleichkäme.

Wenn Sie Ihre Situation in den bisherigen Überlegungen wiedererkennen, dann sollten Sie sich vielleicht ernsthaft Gedanken darüber machen, ob Sie sich mit den richtigen Menschen, Dingen, Herausforderungen und Projekten in Ihrem Leben befassen. Oder ob Sie Ihre Lebenszeit wie Perlen vor die Säue Ihrer Entscheidungen von gestern werfen, als hätten Sie das Perlentauchen erfunden.

Die Knochen zu finden, aus denen Sie mit scharfer Klinge das nahrhafte Mark für Ihre intellektuelle und kreative Klösschensuppe herauslösen können, ist nicht immer einfach. Und suchen bietet hier die grösste Chance, nicht zu finden, da die Knochen meist nahe bei Ihnen liegen, aber nicht als solche erkannt werden. Nehmen Sie sich und Ihre Gaben ernst, damit Sie Erfolg und Gelassenheit (Gesundheit?) zum Traualtar geleiten können. Ich freue mich schon jetzt auf Ihren Nachwuchs.

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Ein Kommentar zu “Need for speed.”

  1. Wernfried Hübschmann
    11. Mai 2007 um 15:53

    Das Wort zum Freitag

    Als Kind hatte ich schon mal einen Porsche Carrera, etwa 4,8 cm lang, lag gut in der Hand, Matchbox natürlich. Die Carrera-Rennbahn habe ich nie gekriegt, leider standen meine Eltern schon den den Grünen nahe, bevor es die überhaupt gab. So musste ich mit einer Märklin-Einenbahn vorlieb nehmen. Voll konservativ, CDU-mäßig! Das war hart. Denn das Entgleisen einer Lok ist echt langweilig im Vergleich zu einem richtigen Crash auf einer Carrera-Bahn, mit 4-fachem seitlichen Überschlag und Landung auf echten Sägespänen. Alles genau berechnet. Das hat was! Und dann nimmst Du wie Gott persönlich das kleine metallene Wunderwerk (made in Taiwan) und setzt es wieder auf seine Spur! Das nenne ich Machtfülle! O herrlicher Größenwahn! Selige Kindheit!

    Zurück zu den Tatsachen: Die 452.000 Euro für den echten Carrera kriege ich jedenfalls nicht bis zum Wochenende zusammen, aber ich fange schon mal zu sparen an und gehe morgen NICHT ins Kino! Macht schon mal 9 Euro 50, plus die gesparten Popcorn und die Cola zusammen 15 Euro 20. Wenn meine Frau sich dieser restriktiven Ausgabepolitik anschließt, haben wir vielleicht zu Weihnachten das Geld für den Ersatzreifen beisammen. Mal sehn, was da der Verkäufer sagt:
    “Wir hätten gern einen Original-Ersatzreifen für den Carrera GT … äh, oder doch nur den linken Außenspiegel …?”
    Na, an irgend einer Vision muss man sich doch festhalten. Wie heißt die Sendung von Jauch gleich wieder … ja genau:
    “Wer wird Visionär?” Jetzt habe ich mein Motto fürs Wochenende!

    Wernfried Hübschmann

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