Jack of all trades

Wie schön, wie schön. Ich kämpfe nun schon ein halbes Leben mit der Tatsache, dass ich mich nicht auf eine einzige Sache konzentrieren kann. Sobald ich das versuche lande ich in Teufelsküche. Der Standardspruch der Eltern und Grosseltern lautet: “Junge, Du musst Dich auf eine Sache konzentrieren, sonst wird nichts aus Dir.”

Wenn Sie sich in der Welt des Marketings für Selbständige, Freiberufler und Unternehmer umschauen, dann treffen Sie an allen Ecken und Enden auf Hinweise, welche Ihnen nahelegen, sich auf ein einziges Thema, ein einzige Problemlösung, eine Kundengruppe etc. pp. zu konzentrieren. Wolfgang Mewes hat dieses Vorgehen mit seiner Engpass konzentrierten Strategie (EKS) in Stein gemeisselt. Konzentriere Dich oder stirb. Alle beten es nach.

Fast alle. Doch nicht alle sind Engpass hypnotisiert, zum Glück. Es gibt eine kleine, intime Gruppe von Überlebenden, die dem Solo-Spezialistentum generelles Spezialistentum und spezielles Generalistentum entgegen halten. Alan Weiss, der wilde Berater und Speaker, der seiner Gilde beibringt, wie man nicht nur effektiv beraten, sondern auch gutes Geld dabei verdienen kann (weil man dem Kunden maximalen Nutzen bringt), erklärt frech: “Specialize and die”. Das tut gut. Das entspannt.

“Verteile Dich in alle Winde und werde glücklich dabei”, so lese ich das, wenn ich mich entspannen will. Bei einem InfoMarkt des Cyberforums (eine jämmerliche Webseite für einen IT-lastigen Verein) in Karsruhe habe ich vor einer Weile ein paar kluge Herren gefragt, was sie von der Idee halten, mehrere Unternehmen parallel zu entwickeln. Ihre Antwort entsprach dem, was man allgemein wohl erwartet: es ist schon schwierig genug, ein Unternehmen aufzubauen. Man muss sich konzentrieren, wenn man erfolgreich sein will.

Was soll ich sagen? Mainstream Blabla. Gut ist, was funktioniert. Wenn Sie am besten vorwärts kommen, wenn Sie zehn grosse Projekte parallel verfolgen, dann bewegen Sie sich doch am besten auf diese Weise und hören Sie auf nach brauchbaren Vorbildern zu suchen. Glauben Sie mir: es gibt nicht so viele, die offen dazu stehen würden. Einen kenne ich aus dem Internet, Bill Gross von Idealab. Er zündet eine Wunderkerze nach der anderen an, gerne auch einige en parallel.

Heute habe ich mir mal die Mühe gemacht bei Wikipedia nachzuschlagen, ob es wohl etwas Schlaues zum Thema “Hans Dampf in allen Gassen” gibt. Und siehe da: wunderbar. Vor allem diese Passage finde ich erfreulich:

In englischsprachigen Ländern ist der Jack of all trades das Pendant zum Hansdampf in allen Gassen. Will man ihn heutzutage jedoch negativ darstellen, erweitert man den Begriff einfach auf seine alte Form: Jack of all trades – and master of none. (Zu beachten ist dabei allerdings, dass das vollständige Zitat Jack of all trades and master of none, though oft-times better than master of one lauten würde, was wiederum die ursprünglich positive Intention dieser Aussage erkennen lässt.)

Leider ist man immer genötigt auf Menschen, wie Goethe oder Leonardo da Vinci zurückzugreifen, wenn man erfolgreiche Generalisten oder besser vielseitig begabte Hochproduktive anführen möchte, die in ihrem Leben auch noch brauchbar auf ihre Kosten gekommen sind. Aber am Ende muss man aufhören, sich in kleine praktische Kisten zu packen und sich in einer Normalität einzurichten, die nicht die eigene ist.

Wenn Sie die Wahl zwischen dem Vorwurf der Arroganz, Überheblichkeit und jener der Selbstzerstörung haben, wofür entscheiden Sie sich? Wo wir schon mal dabei sind. Hier noch eine schöne Passage von Nelson Mandela

“Unsere tiefgreifendste Angst ist es nicht, dass wir ungenügend sind. Unsere tiefgreifendste Angst ist, über dass Messbare kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, Nelson Mandela...nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brilliant, grossartig, talentiert, phantastisch zu nennen? Aber wer bist Du, Dich nicht so zu nennen? Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Es ist nichts Erleuchtetes daran, sich so klein zu machen, dass andere um Dich herum sich nicht unsicher fühlen. Wir sind alle bestimmt, zu leuchten, wie es Kinder tun. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.”
Marianne Williamson, from “A Return to Love” Zitiert von Nelson Mandela, Antrittsrede Präsidentenamt, 1994

Alle Wahlverwandten, die uns helfen, uns selbst voll zu entwickeln, nicht nur in unserem Interesse, im Interesse der Welt auch, sind gut. Goethe, Picasso, Edison und da Vinci waren auch nur Menschen.Und Sie wissen ja: wer sein Potenzial nicht entwickelt bestiehlt die Welt.

Einen unbesehenen Link noch zum Ausklang: “Hans Dampf in allen Gassen“, von Heinrich Zschokke. Ich will noch ein paar Projekte vorwärts bringen, bevor ich mich dieser Lektüre zuwende.

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3 Kommentare zu “Jack of all trades”

  1. Tom Hoffmann
    2. Juli 2007 um 09:13

    Was für ein “geiler”, kleiner Blogbeitrag. :D

    Trifft den Nagel genau auf den Kopf. Genau das Richtige für Montagmorgen, um die Stimmung nachhaltig zu verbessern.

    Wirklich gelungen. Danke.

    Tom

  2. Caroline Schneider
    6. Juli 2007 um 16:10

    Hallo, Martin,

    auch das ein Problem, das mich aktuell beschäftigt. Mit EKS wurde ich in letzter Zeit auch mehrfach konfrontiert (oder meinst Du ggf. auch den Vortrag vom Trainer-Camp?). Wie dem auch sei…

    M.E. ist EKS für Menschen, die wirklich nur “master of one” sind eine Erklärung für ihren Erfolg. Und das ist gut so! Aber was machen die hans-dampfigen, die tatsächlich ihre Qualität “nur” in der Mehrfachbegabung haben. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass man sich als vielseitig begabter Mensch durchaus auch auf eine Sache (sei es nun Zielgruppe, Dienstleistung whatever….) spezialisieren sollte - zumal wenn die Vielseitigkeit in der Vergangenheit tatsächlich zeigte, dass man/frau sich schlecht auf eines konzentrieren konnte - aber: Ganz schnell wird man auch dann wieder in viele Richtungen denken und handeln.

    Was für ein inspirierender Blog der Deinige doch ist!

    Caroline

  3. Martin Wedgwood
    9. Juli 2007 um 13:31

    Liebe Caroline

    Es gibt ein schönes Buch von Barbara Sher: “What do I do when I want to do everything”. Sie beschreibt ganz brauchbare Wege, um mit der eigenen Kreativität, gerade bei einer vielseitigen Begabungslage, umzugehen.

    Ich glaube es lassen sich durchaus einige Themen & Zielgruppen parallel bearbeiten. Dennoch sollte die Ansprache dieser Zielgruppen eindeutig sein. Persönlich habe ich mich zu dem Schritt durchgerungen unterschiedliche Internetauftritte und Marken für die unterschiedlichen Angebote zu entwickeln. Ich nenne das “Erweiterte engpasskonzentrierte Strategie”.
    So kann sich jeder klar von dem angesprochen fühlen, was ihn betrifft und ich weiss, auf wen und welche Thematik sich meine Dienstleistung im jeweiligen Fall bezieht. Bei aller Vielfalt in den Themen und Zielgruppen spielt sich dennoch so ziemlich alles im Bereich Coaching und Training ab. “Everything” ist meistens doch viel weniger als man gemeinhin annimmt ;-).

    Daneben glaube ich, dass es gerade für die Psychohygiene und nachhaltige Produktivität von hochkreativen Menschen ausserordentlich wichtig ist, dass sie Wege finden, sich neben der Arbeit und gezieltem Handeln einer “nutzlosen”, kreativen Aktivität, wie Schreiben, Musizieren, Malen, Tanzen etc. zu widmen. Sonst sind sie immer gefährdet ihr Leben in ein wildes Kunstwerk zu verwandeln und das kann mitunter schmerzhaft und anstrengend sein…

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