Friede, Freude, Weihnachtsplätzchen
->
Endlich ist es wieder soweit: nur noch wenige Tage bis zum frohen Fest.Doch schon während ich dies niederschreibe, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Die Vorweihnachtszeit erinnert mich an so viele Situationen des Lebens: die Zeit vor den gemeinsamen Familienferien, die Zeit kurz vor dem Beginn der Elternschaft, die schönen Phantasien von einem selbständigen Leben als Erwachsener, die man als Heranwachsender träumt, die Hoffnungen, die im Verliebtsein oder den Träumen von einem anderen Beruf, Wohnort, Partner oder Leben liegen.
Wo da die Parallelen sind, fragen Sie sich? Ganz einfach: im manchmal harten Aufeinanderprallen von Traum und Wirklichkeit. Und in dem allzu verbreiteten Unwissen darüber, wie aus einem Traum die erwünschte Wirklichkeit erschaffen werden kann und nicht das grosse Scheitern.
Ich habe eine kurze Recherche im Internet gestartet und fand meine Vermutung direkt bestätigt. Einer Umfrage des evangelischen Onlinemagazins “chrismon” aus dem Jahre 2001 zu Folge gaben 35% der Befragten als Grund für Streitigkeiten zu Weihnachten zu hohe Erwartungen an die Harmonie an.
Die Online-Ausgabe der Frauenzeitschrift “Brigitte” widmet gar vier Seiten dem heiklen Thema und macht drei Gründe für das beschränkte Glück verantwortlich:
- Zwang zur Freude.
- Das Problem mit Nähe und Distanz (Rückzug aus dem Familiengeschehen als Hochverrat an der kollektiven Besinnlichkeit…).
- Das Ausserkraft setzen von Alltagskompromissen (”Wenigstens an Weihnachten kann der Jüngste mal Kartoffeln essen”).
Der Grad an Enttäuschung und damit das Konfliktpotential steht gerne in direktem Verhältnis zu den Erwartungen an eine Situation oder einen Menschen. Sei es die Hoffnung auf umfassende Harmonie, langersehnte Nähe zu den geliebten Menschen, Anerkennung für Geleistetes in Form von wunderbaren Geschenken, sei es der Schnee, der nicht fällt und wenn er fällt, nicht liegenbleibt und was da noch so alles an vager und doch tiefsitzender Hoffnung über dem heiligen Fest schwebt.
Ist es so überrschend, das nicht eitler Friede herrschen kann, wo im Laufe des Jahres immer wieder Reibungen und mehr oder minder ausgepägte Konflikte den Alltag würzen? Ist es so verwunderlich, dass der abwesende, im Beruf verloren gegangene Vater sich auch an Weihnachten schwer tut, voll und ganz im Glück der Familie aufzugehen? Ist es komisch, dass man sich die lieben Kinder auch an Weihnachten, wenn Sie innig ins Spiel mit den Geschenken vertieft sind, ins Bett wünscht, um endlich mal Ruhe zu haben und diese sich, wie sonst auch, standhaft wehren?
Finden Sie es eigenartig, das Enttäuschungen vorprogammiert sind, wo ein äusserer Anlass alle und alles verwandeln soll und das Glück auf Erden aus dem Stehgreif, um nicht zu sagen, aus vollem Lauf für ein paar kurze Tage wahr werden soll?
Es ist beeindruckend, wie wir immer wieder mit ungebremster Geschwindigkeit, wie durch einen rosa Nebel im Hirn, in die Wirrnisse des Zwischenmenschlichen krachen ohne den geringsten Hinweis auf gelernte Lektionen aus den Geschehnissen des vergangenen Jahres.
Die Anregungen, welche der “Brigitte” Artikel gibt (die nicht nur für Weihnachten dienlich sind) möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
- Respektieren sie die Interessen der anderen und schaffen Sie Freiräume.
- Nehmen Sie sich vor, sich nicht zu streiten (Davon würde ich die Finger lassen…).
- Bereiten Sie sich vor: “Womit muss ich rechnen? Wie kann ich die anderen besser verstehen? Wer Eltern hat, die schon älter sind, sollte akzeptieren, dass sie gewisse Dinge nach einem Schema machen, das mir fremd ist.”
- Vermeiden Sie Reizthemen.
- Sorgen Sie für Abstand zwischen Spinnefeinden.
- Seien Sie höflich.
Und noch ein paar Anregungen von meiner Seite:
- Setzen Sie dem Hut keinen Hut auf: werden Sie nicht ärgerlich, wenn es zu Konflikten kommt.
- Stellen Sie sich darauf ein, dass die Wunder, die zu Weihnachten geschehen sich im Rahmen halten und die Menschen und die Beziehungen, die Sie mit Ihnen leben in vertrauten Bahnen ablaufen.
- Rechnen Sie nicht mit Streit, aber fallen Sie nicht aus allen Wolken, wenn es dazu kommt.
- Gehen Sie davon aus, dass die Konfliktursache und die Konfliktlösung nicht ausserhalb von Ihnen liegen.
- Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten Konflikte zu entschärfen.
- Geben Sie sich selbst Raum, um bei sich selbst anzukommen, Ihren Gedanken nachzugehen und zu entspannen.
- Lassen Sie Ihre grossen Hoffnungen an Friede, Freude, Weihnachtsplätzchen los und freuen Sie sich darüber, dass Sie es mit lebenden Menschen zu tun haben.
Dramatisches Zwischenspiel in Ausschnitten aus “Nicht nur zur Weihnachtszeit” von Heinrich Böll:
“Tante Milla war in der ganzen Familie von jeher wegen ihrer Vorliebe für die Ausschmückung des Weihnachtsbaumes bekannt.”
“Die Zähigkeit, mit der sie darauf bestand, dass alles so sein sollte wie früher, entlockte uns nur ein Lächeln.”
“Als mein Vetter Johannes am Abend des Lichtmesstages begann, den Schmuck vom Baum zu lösen, fing meine bis dahin so milde Tante jämmerlich zu schreien an.”
“Tante Milla schrie so lange, bis mein Onkel Franz auf die Idee kam, einen neuen Tannenbaum aufzustellen. Während die Tante schlief, wurde der Schmuck vom alten Baum ab- und auf den neuen montiert, und ihr Zustand blieb erfreulich.”
“Einige vage Versuche, die Feier abzubrechen oder ausfallen zu lassen, wurden mit solchem Geschrei vonseiten meiner Tante quittiert, dass man von derlei Sakrilegien endgültig Abstand nehmen musste.”
“Inzwischen haben die abendlichen Feiern im Hause meines Onkels eine fast professionelle Starre angenommen.”
“Onkel Franz war der Erste, der die Idee hatte, sich von einem Schauspieler bei der abendlichen Feier vertreten zu lassen.”
“Inzwischen ist es mir gelungen, durchzusetzen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden.”
So schlimm wird es schon nicht kommen…
Nun hoffe ich, nein, ich bin überzeugt, dass Ihnen solche Auswüchse der besinnlichen Besinnungslosigkeit erspart bleiben. Ich jedenfalls kann ein wenig erleichtert und frohgemuter auf Weihnachten zu gehen: Weihnachten nicht als Gelegenheit, die Erfüllung meiner grossen Erwartungen, Wünsche und Sehnsüchte einzufordern, in der Hoffnung der Zauber der Kindertage möge dadurch zurückkehren.
Sondern Weihnachten als Zeit des Loslassens meiner grossen Forderungen an das Leben und meine Mitmenschen, als Zeit, mich überraschen zu lassen, von Geschenken, von Begegnungen, von Stimmungen und gemischten Gefühlen.
Und als Zeit, die Dinge, die Mitmenschen und mich selbst nicht ernster zu nehmen als nötig und auf alles, auch die grossen Wünsche und Hoffnungen, mit einem leisen Lächeln zu schauen. Und wer weiss: vielleicht gehen die tiefsten Wünsche und Sehnsüchte dadurch in Erfüllung, dass wir uns entspannen und das Leben, unsere Mitmenschen und uns selbst für die Verwirklichung dieser Wünsche nicht so heftig in die Pflicht nehmen.
Ich wünsche Ihnen eine lebendige Weihnachtszeit.
Verwandte Beiträge
- Fremde Federn No 2
- Schöne kleine Reisen in Richtung Erfolg und Erfüllung
- Wilde Wünsche
- Reisen in der Nachbarschaft


RSS-Feed abonnieren.





