Drop in. Drop out.
Beim Skateboardfahren nennt man den Moment, wo der Skater oben von der Kante der Halfpipe in die Wanne kippt als drop-in. Ein kurzer, schwebender Moment, der eine gewisse Entschlossenheit braucht, damit das ganze nicht in der körperlichen Katastrophe endet.
Einige meiner Beratungskunden haben mir in letzter Zeit von unterschiedlichen Situationen berichtet, in denen sie ausserordentlich litten: vor allem in Meetings (wer nicht?) und in Situationen kollektiver Geselligkeit. Ich persönlich schaue auf ein ganzes Martyrium der Adoleszenz und des Erwachsenseins zurück, während welchem ich mich bis aufs Letzte durch solche Horrorsituationen kämpfte. Die meiste Zeit gelang es mir glücklicherweise, die Orte des Schreckens zu meiden oder mich wenigstens in eine Lage zu versetzen, welche mir erlaubte, das Geschehen zu dominieren und somit spannend zu gestalten. Für mich jedenfalls. Was auch nicht immer glücklich machte im Miteinander.
Es ist beachtlich, mit welcher Entschlossenheit, man die eigene Person, das eigene Wesen, die eigene Psyche zur Verantwortung für die Misslichkeit der jeweiligen Lage zu ziehen geneigt ist. Denn dass es Langeweile und Unterforderung war, welche Komplikationen und Dissonanz mit der jeweiligen Situation und Gruppe schaffte, (welch unerhörte Anmassung, hüstl!) ist eine Erkenntnis, welche mir erst lange danach zu Teil wurde. Und welche in Ihrer Bedeutung erst dort volle, d.h. entspannte Kraft entfalten konnte, wo ich nicht mehr der Relation “Unterforderung = menschliche Überlegenheit und Höherwertigkeit” anlegte, welche sonst so schwer auf das Thema Begabung (wie hoch auch immer) von unterschiedlicher Seite gelegt wird.
Die entschlossene Unwissenheit, welche die jahrelange Duldung unerträglicher Situationen ermöglichte (hier als Kompetenz verstanden), rührt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von der unfreiwilligen Übung, welche man in endlosen Jahren quälender Gefangenschaft in geschlossenen Räumen hinlegte. Das von aussen auferlegte Ziel, zu lernen, blieb unerreichbar. Nicht weil Lernen an sich unmöglich gewesen wäre, sondern weil das, was als Lernmöglichkeiten angeboten wurde umfassende Stolpersteine und unerträgliche Umwege gegenüber den eigenen waren.
Das Gefühl selbst an der Ursache des Problems zu stehen, statt den Misfit zwischen Kontext und Person zu begreifen (weil der Kontext über lange Zeiträume nicht in Frage zu stellen war) sitzt so tief, dass auch im Erwachsenenalter als Gefängnis konstruiert wird, was mit einer gesunden Portion Dreistigkeit und Mut zur Unhöflichkeit schon lange keins mehr wäre.
Auch wenn es wenige Formen, wie bspw. die OpenSpace Technologie, des gruppenspezifischen Zusammenarbeitens gibt, wo ein Kommen und Gehen abhängig von der eigenen Möglichkeit etwas zu lernen oder beitragen zu können (dürfen) “erlaubt” ist, gibt es doch Möglichkeiten, obengenannte (lebensrettende) Dreistigkeit vorausgesetzt, sich das Schlimmste zu ersparen.
Es gibt immer gute Gründe, zu einer Sitzung spät hinzuzustossen und sich früh wieder daraus zu verabschieden. Zumal, wenn Sie zu den Topleistungserbringern im Unternehmen zählen. Diverse kritische Projekte brauchen Menschen, welche situativen Anforderungen genügen können, auch um den Preis einige Sitzungen nur in jenen Passagen besuchen zu können, welche die eigenen Implikationen ins Unternehmen betreffen.
Auch familiäre Gründe können angeführt werden. Allerdings sind nicht alle Kulturen hier ebenso offen, wie den obenbeschriebenen Eskapaden der Leistunsgerbringer gegenüber. Ich nenne diesen Stil “drop-in, drop-out”. Sich hineinfallenlassen und wieder hinausfallenlassen.
Es gibt einige, welche dieses drop-in, drop-out, mental vollziehen: komplizierte Gleichungen im Kopf lösen, sich NLP-mässig oder autosuggestiv in andere Sphären beamen, spirituelle Übungen, wie achtsames Atmen oder Eutonie vollziehen, ToDo-Listen, Projekte oder sonstiges auf der Nebenspur weiterplanen. Über die französische Businesskultur kann man denken was man will (ganz zu schweigen vom Fahrstil der geliebten Nachbarn), aber die verbreitete Einschätzung, Multitasking sei ein Zeichen hoher Kompetenz, kommt dem schnell Gelangweilten ausserordentlich entgegen. Denn hier können Sie nach aussen verlegen, in Papier- und Stiftform wenigstens, was Sie in Deutschland nur hinter Ihrer Stirnplatte abfrühstücken dürfen.
Vermutlich sind dies ebenfalls brauchbare Optionen, wenn andere Wege verstellt bleiben. Unter der Prämisse, dass Sie von solchem Vorgehen in irgendeiner Weise profitieren (Arbeit erledigen, lernen, Spass haben, entspannen) und das Gefühl der vertanen Zeit in starker Weise gemildert wird.
Sollte keine dieser Optionen zur Verfügung stehen oder in geeigneter Form Entlastung bringen wären möglicherweise ernsthafte Überlegungen angesagt, Ihre Umwelt-Passung nicht auf Ihrer, sondern der Umweltseite zu verbessern. Im Journalistenberuf, so habe ich mir sagen lassen, gehört drop-in, drop-out zum Tagesgeschäft, bei Vertrieblern auch, als Selbständiger oder Unternehmer haben Sie auch die Möglichkeit, abhängig von Branche und Grösse des Unternehmens, regelmässig von einem Kontext in den nächsten zu fallen.
Vielleicht brauchen Sie aber generell höhere Anforderungen auf unterschiedlichen Niveaus, damit Sie nicht untergehen in Ihrer intellektuellen Bedürftigkeit. Überhaupt scheint es mir einer der wesentlichen Schlüssel zu einem erfüllten Leben für Kreative und Hochbegabte, sich Rechenschaft, vor allem im alltäglichen Handeln, über die präferierten Kontexte abzulegen. Und brauchbare Entscheidungen zu treffen. Auch über geeignete Frequenzen des Kontextwechsels. Aber davon ein anderes mal.
Viel Spass beim Rein- und Rausfallen.
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25. März 2007 um 11:20
Ich unterscheide vier Arbeitsstile:
PLANEN
TANZEN
SURFEN
DÜMPELN
Die meisten Menschen bewegen sich zwischen den Aspekten Planen und Dümpeln (überschätzen das Eine und unterschätzen das Andere).-
Tanzen kann man nur mit musikalischen und bewegungsbegabten Partnern.
Aber SURFEN - das geht immer: Surfen in Kontexten, Surfen in Gedanken und Gefühle, Surfen in Einblicken, Ausblicken und Durchblicken, Surfen auf den Wellen der Situativität und Ambiguität.
Und wenn wir einmal stürzen? Dann stehen wir wieder auf!
Wernfried Hübschmann
25. März 2007 um 13:26
Surfen genügt nicht, lieber Herr Hübschmann. Nicht mal Kiten - wobei das schon näher rankommt. Basejumping vielleicht, Hochseesegeln auf Magelans Strasse, Speedclimbing, Kampfjet-fliegen.
Ich rede nicht von unterschiedlichen Arbeitsstilen und inneren Haltungen. Mir geht es um das existenzielle Thema aller Kreativen und Hochbegabten: wie bringe ich die PS auf die Strasse ohne mir oder jemand anderem dabei weh zu tun. Und ohne ganz alleine durch die Gegend zu heizen in einer modernen Odysee auf der Suche nach Erlösung.
Ich möchte die Augen dafür öffnen, dass es hier um eine unglaubliche Energie und Bewegung geht, die mit Tanzen gar nichts zu tun hat. Es würde mich betrüben, wenn dieses Bestreben weichgespühlt würde, durch den Versuch, es auf Normalmass zu nivelieren.
Ich möchte noch einmal betonen: hier ist nicht von Wert und Bedeutung die Rede, sondern nur davon, wie ein erfülltes Leben jenen gelingen kann, welche ihre ausgesprochenen Begabungen all zu oft als Behinderung oder wenigstens Störung erleben und häufig gerahmt bekommen.
Es würde mich freuen, wenn Sie auf diese Dimension bezug nähmen. Es braucht keine weiteren Orte für Standardtänze und für’s Surfen auf den Baggerseen des Mittelmasses, deren Daseinsberechtigung und Bedeutung ich keinesfalls in Abrede stellen möchte. Zeigen Sie mir die Plätze, wo es gefährlich wird!
28. März 2007 um 16:23
Danke für Ihren Hinweis, Herr Wedgwood, der mich nachdenklich stimmt. Ich folge Ihrer Spur sehr wohl und sehe die existentielle Dimension. Ich will sie nicht herunterdimmen.
Mich beschäftigt auch die Frage: Wohin mit der Kraft?
Habe ich Angst vor der eigenen “Größe”?
Was, wenn ich das alles “auf die Straße bringe” -
Das sind auch erschreckende Gedanken. Wissen Sie, ich werde ich ein paar Wochen 49 J.- das ist ein Wendepunkt hin zum Ausdruck und
hin zur Entfaltung all der angesammelten Möglichkeiten.
Gruß für heute WH
28. März 2007 um 17:55
Herzlichen Dank, Herr Hübschmann, für Ihre offenen Worte. Ich tat mich schwer damit, so klar und dicht zu schreiben, weil ich nicht vor den Kopf stossen wollte. Und Ihre Beiträge hier sind so leicht und heiter. Das ist schön. Umso froher bin ich jetzt bei Ihren Worten, dass ich mich verständlich machen konnte…
Angst vor der eigenen Grösse und Geschwindigkeit? Das klingt vertraut. Was sich nicht kontrollieren oder bremsen lässt - vielleicht macht das Angst. Wenn nur Steuern und Ausrichten möglich ist, dann hat der Mensch am Ruder einiges zu arbeiten. Derjenige im Ausguck auch.
Und wenn die See dann noch rauh ist. Bonjour!
Eine andere Frage, nach vorne gerichtet: Was braucht es, was brauchen Sie, um mit dieser Kraft zu gehen? Welche Kontexte, welche Menschen, welche Medien, welche Formen? Die Antworten gehören vermutlich nicht in die Öffentlichkeit. Vermutlich nicht ganz direkt.
Wenn Sie Ihre Kraft angstfrei, mit Respekt und Demut dennoch, für Wesentliches zur Verfügung hätten, ich wäre unglaublich gespannt, wie die Welt von Ihrem Einsatz in jedem Augenblick profitieren könnte. Auf allen Ebenen.
In den angesammelten Möglichkeiten nicht ertrinken? Wellenreiten! Sie hatten recht. Neunundvierzig? Dann ist das schlimsste geschafft, oder?
Es ist schön mit Ihnen zu plaudern….
7. April 2007 um 09:45
Lieber Herr Wedgwood,
ich komme erst jetzt dazu zu antworten.
Über Ihre Zeilen habe ich mich sehr gefreut.
Das Persönliche ermutigt. Oft finden wir doch den Glaubenssatz vor: Lasst uns ja nicht persönlich werden - aber alles persönlich nehmen!
Das kostet (auch im Beratungsprozess) viel performance.
Zurück zu unserem Gespräch: In der Tat sprengt es den Rahmen des
Öffentlichen. Es gibt ja auch noch andere Wege des Austauschs.
Die Frage, was ich brauche/bräuchte ist gut und richtig gestellt.
Und in einem Punkt haben Sie auch Recht: mit 49 ist das Schlimmste vorbei, das empfinde ich auch so.
Der Blick schärft sich fürs Wesentliche, für die Sammlung,
für das Konkrete.
Kennen Sie Marshall Rosenbers “Gealtfreie Kommunikation”?
Ich gucke grade eine DVD über seine Münchner lecture im letzten Jahr - sehr beeindruckend!
Und übrigens: Chriss Bliss - der Jongleur - ist eine feste Grö$e bei uns inzwischen.
Voröstrlich herzliche Grü$e
Wernfried Hübschmann