Das Beste geben

“Wer nicht sein Bestes gibt, der gibt zu wenig.”

Das ist eine meiner Maximen. Wenn Sie diese mit dem Leistungsohr hören, mögen Sie glauben, ich fordere Sie auf, alles zu geben, sich unglaublich anzustrengen und sich permanent bis an Ihre eigene Leistungsgrenze zu fordern. Fühlen Sie sich an die Vorgaben Ihrer Eltern, Lehrer und anderer Autoritätsfiguren erinnert? Zieht sich Ihr Bauch zusammen und Ihre Stirn in Falten?

Spüren Sie augenblicklich massiven inneren Widerstand, weil Sie Untertöne mitschwingen hören, wie: “Streng Dich mal ein bisschen an”, “Sei nicht so faul”, “Wenn Du wolltest, dann könntest Du schon”, “Von nichts kommt nichts” und dergleichen? Oder stimmen Sie zu? Nach dem Motto: “Genau, man muss sich fordern”, “Man muss alles geben”, “Wir haben keine Zeit, uns auszuruhen”.

Natürlich provoziere ich nicht ohne Grund. Wie immer beschäftigen mich grundlegende Fragen und es würde mich freuen, wenn Sie mir einmal mehr auf den Pfad meiner Überlegungen folgten.

Als Selbständiger, Unternehmer und Führungskraft sind Sie gleichzeitig in einer wunderbaren und misslichen Lage. Sie haben ausserordentliche Gestaltungsmöglichkeiten und (im besten Falle) grosse Entscheidungsspielräume, sei es in aktuellen Projekten oder in Ihren Linienfunktionen.

Mit dieser Gestaltungsfreiheit geht allerdings die Verantwortung für die Konsequenzen Ihrer Entscheidungen und Ihres Handelns einher. Womit wir beim misslichen Teil wären. Diese Verantwortung bezieht sich im Falle des Freiberuflers und Selbständigen vor allem auf die persönliche Lebens- und Wirtschaftssituation und die der Familie. Im Falle des Unternehmers oder der Führungskraft kann diese Verantwortung jedoch sehr viel weitreichendere Implikationen haben. Es ist also für Ihr berufliches Handeln von ausserordentlicher Tragweite, dass Sie Ihr Bestes geben.

Doch damit nicht genug. Es wäre höchst fragwürdig, diesen Leitspruch allein auf den Bereich der eigenen Leistungsfähigkeit im beruflichen Feld anzuwenden. Schärfer formuliert: es wäre wohl ein Unding, den Anspruch, sein Bestes zu geben, nur bezogen auf Karriere und unternehmerische Entwicklung zu betrachten.

Denn “sein Bestes geben” trifft noch keine Aussage darüber, wo dieses Beste denn zu geben sei. Diese Frage zu beantworten, bleibt ein ebenso persönliches Unterfangen, wie die Antwort auf diese Provokation an sich.

Wenn Sie in einem der folgenden Felder aktiv sind:

  • im Beruf, als Unternehmer, Selbständiger, Führungskraft,
  • in der Familie und Partnerschaft, als Vater, Mutter oder Patchwork-Elternteil,
  • als Mitglied von Vereinen, Verbänden,
  • in anderen Rollen und Aktivitäten im Gemeinwesen,
  • im Freundes- und Bekanntenkreis,
  • im Bereich Ihrer persönlichen Entwicklung, Freizeitgestaltung und Sinnfindung,

dann heisst “sein Bestes geben” je nach Situation und Kontext vollkommen Unterschiedliches. Wenn es Ihnen nicht gelingt, diese Rollenunterschiede und Rollenanforderungen wahrzunehmen und entsprechend zu handeln, dann stecken Sie, was Ihre Lebensbalance angeht, vermutlich in Teufels Küche. Aber das ist eine andere Baustelle.

Zurück zu meiner ursprünglichen Behauptung: “Wer nicht sein Bestes gibt, der gibt zu wenig.” Angenommen Sie nähmen diese Behauptung ernst: wie können Sie, angesichts der vielseitigen Anforderungen, genug geben, ohne sich völlig zu verausgaben?

Ich behaupte: hier droht überhaupt keine Gefahr. Im Gegenteil: die Wahrscheinlichkeit, sich zu verausgaben steigt in dem Masse, wie Sie sich auf Aktivitäten verlegen, die Sie weder mit Enthusiasmus und Leichtigkeit erledigen, noch wirklich beherrschen. Je mehr Sie sich dem inneren Sklaventreiber (”ich muss”) und den äusseren Umständen (”ich habe keine Wahl”) überlassen und sich mit Angelegenheiten herumquälen, die allenfalls Mittelmässigkeit aus Ihnen hervorlocken und Ihr Herzblut dick werden lassen, umso wahrscheinlicher wird die totale Erschöpfung.

Darum behaupte ich: der einzig wirksame Weg, um entschlossen, gelassen und gesund zu leben liegt gerade darin, immer besser herauszuarbeiten und zu verstehen, wo die herausragenden eigenen Stärken und Vorlieben liegen und sich auf diese zu konzentrieren.

In der Folge sind Sie gefordert, sich auf die Felder zu konzentrieren (in allen Lebensbereichen), in denen Sie diese Stärken, Fähigkeiten und Vorlieben in guter Weise einbringen und weiterentwickeln können. Und darüberhinaus, sich mit Menschen zusammenzutun, die all das andere können und mögen, also in Ihren Fähigkeiten und Schaffens-Vorlieben komplementär zu Ihnen sind. Welche aber im Bereich Werte und Ziele in hohem Masse mit Ihnen übereinstimmen.

Ich möchte den bekannten Gelassenheits-Spruch für meine Zwecke variieren:

Gib mir den Mut, mich auf meine herausragenden Stärken zu konzentrieren.
Gib mir das Vertrauen, alle Aufgaben, die andere besser erledigen können, zu delegieren.
Und gib mir die Weisheit, meine Stärken und die der anderen klar zu sehen.

Natürlich gibt es hier keine perfekte, endgültige Situation, sondern ein mehr oder wenig gelingendes Streben in Richtung des Ideals. Und vergessen Sie bitte nicht: das Beste geben Sie der Welt, wenn Sie gut mit sich und Ihren Grenzen umgehen.

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