“Geprüfte Intelligenz”
Literarischer Band von Hochbegabten für begabte Artgenossen.
Was hat es mit diesem Projekt auf sich?
Entstanden ist die Idee eines Buchbandes von Hochbegabten für Hochbegabte ursprünglich im Online-Business-Forum “XING” durch Frau Lilli Cremer-Altgeld.
In diesem Buchprojekt, ursprünglich als reines Lyrik-Projekt gedacht, werden die Tore für unterschiedliche literarische Formate geöffnet, seien es Gedichte, Kurzgeschichten, Essays oder Szenisches. Am ursprünglichen Gedanken, Illustrationen von Kindern, aber auch von erwachsenen Hochbegabten und Texte von Kindern aufzunehmen halte ich unbedingt fest. Gerade für letztere eröffnen sich hoffentlich durch die grössere Diversität an Formaten mehr Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten.
Welches Anliegen verfolgt das Projekt?
Zu allererst soll hier, ergänzend zu der Vielzahl an Fach- und Selbsthilfebüchern, das Thema “Hochbegabung” in einer unmittelbar am gefühlsmässigen Erleben orientierten Form zugänglich gemacht werden.
Mit unterschiedlichen Zielsetzungen:
Hochbegabten soll ein Raum geboten werden, sich selbst und ihrem Leben in künstlerischer Form Ausdruck zu verleihen.
Weiterhin hat das Projekt Menschen im Blick, welche von Hochbegabung “betroffen” sind, sich aber in quasi absoluter Unwissenheit über den Sachverhalt befinden, dass es ihre Begabungen sind, über welche sie permanent stolpern. Über das Medium “Text” soll diesem Kreis die Möglichkeit geboten werden, sich über das Wiedererkennen thematisierter Gefühle, Fragestellungen und Situationen, an ein konstruktiveres Selbstbild heranzupirschen.
Zuletzt soll Menschen, welche von aussergewöhnlicher intellektueller Begabung weniger “betroffen” sind, ein unmittelbarer Einblick in die Lebenswelt Hochbegabter ermöglicht werden, um grösseres Verständnis für allgegenwärtige Schnittstellenphänomene zu schaffen.
Über das Buchprojekt hinaus sind Folgeprojekte, wie Hörbuch und Kalender geplant.
Worum geht es in diesem Band nicht?
Es geht keinesfalls darum, irgendjemanden zu dekorieren oder herauszustellen. Schon gar nicht darum, an irgendeiner Stelle den IQ einer AutorIn in den Wind zu hängen. IQ 130+ als landläufige Definition von Hochbegabung wird in der Einführung besprochen werden.
Hier wird Raum sein, die Fragwürdigkeit dieser Definition zu diskutieren, zumal, erwiesenermassen, Phänomene welche “130+” betreffen auch schon bei Menschen aufzufinden sind, welche einen IQ von 125 haben. Es wird aber auch aufgezeigt werden, wie das Erkennen hoher intellektueller Begabung, den Begabten selbst helfen kann, sich und ihr Leben neu zu sehen, zu verstehen und eine Korrektur ihres Selbstverständnisses bewirken kann. Vermutlich wird Platz sein, ähnliche, z.T. korrelierende Phänomene, wie ADHS, HSP, Asperger kurz anzusprechen.
Es wird meine Aufgabe, weil mein wichtigstes Anliegen, und jene des Verlags sein, den Band so zu rahmen und einzuführen, dass er gerade all jenen Zugang zur Thematik eröffnet, welche bisher keine oder nur eine verschämte Ahnung von ihrer “Problematik” haben.
Die Hoffnung, diese Zielgruppe zu erreichen und ihr eine weitere Möglichkeit zu eröffnen, zu einem konstruktiveren Selbstbild und einem produktiveren oder einfach entspannteren Lebensstil zu finden, bildet den grössten Teil der Legitimation dieses Projekts, des Versuchs einer hilfreichen Abgrenzung gegenüber anderen Denk- und Wahrnehmungsbegabungen und des Engagements bezogen auf diesen Band.
Ich freue mich über jeden, der das Projekt als AutorIn, als Kontaktperson zu AutorInnen (gerne auch Kinder), IllustratorInnen (ebenfalls gerne Kinder), geeigneten Verlagen oder in anderer Form unterstützen möchte.
Bitte zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren.
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28. Dezember 2008 um 12:07
Heute spiel ich gerne mal den Kritiker!
Eine vielleicht wunderbare Idee, meine ich. Und doch steckt in meiner Meinung ein vielleicht.
Sobald ich die Sicht des Lesers (mit oder ohne Hochbegabungsstempel) einnehme und über dieses Projekt lese, fühle ich mich entweder “daheim” oder “bei Fremden”. Nicht weil der Ansatz kein guter ist oder weil das Thema nicht wichtig wäre, sondern weil der Begriff der “Hochbegabung” polarisiert – es gibt also Hochbegabte und Andere – diese stehen nicht in Verbindung miteinander sondern werden durch die Begrifflichkeit an sich getrennt.
Ich freue mich, dass dieses Thema von vielen behandelt (!) wird, glaube aber gleichzeitig auch, dass die sog. Hochbegabten liebend gerne ohne den Begriff auskommen würden…
28. Dezember 2008 um 14:30
Lieber Sascha,
Danke für Deinen Kommentar. Kritik ist immer willkommen und konstruktive sowieso.
An vielen Stellen befinde ich mich immer wieder in dieser Diskussion. Leider ist es häufig eine quasi politische Diskussion, in welcher es mehr um den Wert eines Menschen (hier definiert über Leistungsvermögen und messbare Intelligenz eines Menschen) als um dessen Streben nach Erfüllung, Glück und Erfolg geht. Der erste Aspekt entzieht sich mir vollständig, denn im Bezug auf den Menschen vermag ich nicht mit Wertigkeit umzugehen.
Mit diesem Projekt habe ich schon Wochen im Gespräch über die Begrifflichkeit “Hochbegabung” verbracht und aus diesem Grund lag es auch eineinhalb Jahre auf Eis.
Deine Reaktion ist wie eine kleine Nadel, welche in die alte Wunde piekst und grosse Verführungskraft besitzt, das Projekt direkt wieder zurückzuziehen.
Vielleicht verstehe ich Dich nur halb, wenn ich völlig mit Dir übereinstimme, dass der Begriff Hochbegabung für alle sog. intellektuell Hochbegabten schnell überflüssig werden sollte, denn das wäre sicher ein gutes Zeichen dafür, dass sie auf dem besten Wege sind, ihre Potentiale auf produktive Weise zu entfalten und zu nutzen.
Doch gilt das nicht für viele Zusammenhänge? Dass begriffliche Schonräume und Abgrenzungen hilfreich sind, um Entwicklung zu unterstützen und (Selbst-)Erkenntnis zu ermöglichen? Dass immer wieder künstliche Grenzen aufgebaut werden, damit sich entfalten kann, was nachher zum Einreissen eben dieser Grenzen führt und führen muss?
Ich habe das in der spirituellen Praxis des Zen so erlebt (“der einzig wahre Weg”), in der Sozialarbeit (“auf der guten, richtigen Seite stehen”) und auch mit dem Thema “Hochbegabung”.
Nur: wenn das “Andersartige”, weil ausserhalb der Norm Liegende (in den messbaren Kriterien) als Defizit erlebt wird, die Interaktion mit jenen, welche innerhalb der Norm liegen sich schwierig gestaltet und die alltägliche Erfahrung leidvoll und schmerzhaft ist, dann bin ich mit jeder Krücke einverstanden, welche hilft, diese inneren und äusseren Zustände zu transformieren.
Insofern mag ich Deine Kritik gerne als Hinweis darauf auffassen, dass wir bei der Begrifflichkeit “Hochbegabung” nur mit einer Krücke operieren. Und das die Krücke weggeworfen werden sollte, sobald sie nicht mehr gebraucht wird. Und gleichzeitig bin ich ausdrücklich dafür, die Andersartigkeit, welche mit Hochbegabung einher gehen kann zu sehen, zu akzeptieren und anzuerkennen. Ich bin dafür, Wege zu erkunden, wie ein befriedigendes Leben mit dieser Verfassung aussehen kann und zu weiteren Erkundungen einzuladen.
Für mich bleibt immer Beides interessant: das Verbindende und das Trennende. Während Harmonie und Gleichklang an der Oberfläche komfortabel sind, helfen sie nach meinem Dafürhalten weder dem Einzelnen, noch der Gemeinschaft, noch dem Leben im allgemeinen. Die größten Kriege beruhen meineserachtens auf der mangelhaft entwickelten Fähigkeit, Diversität zu akzeptieren und konstruktiv damit umzughen.
Es kann interessant sein, sich dem intensiven Zusammenwirken von Spiritualität und Alltagsleben zuzuwenden, um die Unterschiede an der Oberfläche lassen zu können und wertschätzen zu können. Für mich ist es einfach, wenn auch nicht immer komfortabel und schmerzfrei, die Unterschiede wertfrei zu akzeptieren, weil ich um die unauflösliche Einheit weiss.
Und ich weiss auch, dass mich im Menschlichen nichts über einen anderen Menschen hebt und niemanden über mich.
Und es ist für mich auch wichtig, all die Minderbegabungen und Gefährdungen anzuerkennen, welche mit einer intellektuellen Hochbegabung einher gehen können. Das heisst auch, die ausserordentlichen Begabungen der in weniger komplexen Zusammenhängen Denkenden anzuerkennen, welche ich oft nicht teile.
Gerade diese Auseinandersetzung um die Begrifflichkeit, um den Sinn einer Abgrenzung kann und soll auch Gegenstand des Büchleins werden. Über Deinen Beitrag und Deine Unterstützung für dieses Projekt freue ich mich.
1. Januar 2009 um 19:14
Lieber Martin,
zunächst, vielen Dank für deine Worte und die blühende Rhetorik. Gerne antworte ich dir anfangs mit Buddhas Mahnworten: “Sei achtsam!”
Du als praktizierender Zen-Buddhist kennst diese Worte sicher und hast wohl einige Zeit damit verbracht über sie zu denken(, sie zu leben?). Zwar bin ich kein Buddhist, befasse mich jedoch als Mensch schon seit längerem mit der Thematik des Habens und des Seins.
Um mein Kommentar kurz zu halten, hier zwei, drei Fragen:
Was glaubst du ist besser (bzgl. d. unauflöslichen Einheit) für Menschen – im Haben zu leben oder im Sein? Was glaubst du, worauf die Begriffe “Hochbegabung” oder “Hochleister” bei einem “Kommunikationskonsumenten” jeweils den Blick richten werden?
Das ist die momentan konstruktivste Variante meiner Meinung. Ich würde mich freuen, von dir zu lesen…
“By the way” – ich wünsche dir Wohl-Sein im neuen Jahr und das dir weiterhin die guten Dinge “passieren”!
1. Januar 2009 um 20:56
Lieber Sascha,
Du bleibst dran, wie schön. Habe jetzt auch eine Funktion integriert, welche erlaubt, weitere Kommentare zu abonnieren. Die hast Du sicherlich schon bemerkt.
Ist der Begriff “blühende Rhetorik” ein Hybrid-Begriff, welcher blühende Phantasie und Demagogie vereint?
Was wie Spitzfindigkeit wirken mag, ist ein verzweifelter Versuch ein beschränktes Werkzeug, die Sprache, für etwas sehr unwahrscheinliches, nämlich Kommunikation zu nutzen. Ich habe Erich Fromm seinerzeit verschlungen und er hat mein Denken sehr geprägt. Allein schon mit diesem letzten Satz versinke ich tief in der Unmöglichkeit, “Realität” sprachlich zu fassen. Ich? Habe? Erich Fromm? Das alles sind nur Konventionen, auf welche wir uns geeinigt haben und bei welchen wir davon ausgehen, das Gleiche oder wenigstens etwas Ähnliches zu meinen.
Dein “Sei achtsam” erinnert mich an Watzlawicks “Sei glücklich” oder “Sei spontan”. Ohne jede Ironie: Es gelingt mir nicht. Und auf die Gefahr hin, spitzfindig zu klingen: der Mensch lebt immer im Haben und Sein gleichzeitig. Oder anders herum: in keiner der Beiden “Verfassungen”.
So gesehen ist ein Hochbegabter hochbegabt und niemals hochbegabt. Für den einen mag er sich durch den Besitz einer überdurchschnittlichen Intelligenz auszeichnen, für den anderen durch gewöhnliche oder ungewöhnliche Leistungen, die er vollbringt. Und für einen anderen durch gar nichts.
Die Frage, welche ich aus Deiner zweiten Frage ableiten möchte: Zu welcher Perspektive und zu welchem Fokus will ich einladen? Ich möchte so viel wie möglich anbieten, damit Menschen produktiv, erfolgreich, glücklich und gelassen sein können.
Kannon – der Bodhisattva des Mitgefühls wir im Buddhismus mit tausend Armen dargestellt (http://tinyurl.com/7qofsc), welche symbolisch für die unendliche Zahl von unterschiedlichen Hilfestellungen stehen, die die leidenden Wesen brauchen, um das Leiden zu überwinden.
Blinde brauchen andere Hilfestellungen als Epileptiker, Wissenschaftler andere als Leistungssportler, Mütter andere als ihre Kinder, Türken andere als Deutsche, intellektuell Hochbegabte andere als musikalisch Hochbegabte.
Davon abgesehen braucht jeder einzelne in jedem zwischenmenschlichen Kontakt sehr unterschiedliche Dinge, um etwas ähnliches wie Glück, Zufriedenheit und Sinn zu verwirklichen, aber spätestens hier wagen wir uns in einen Bereich vor, der sprachlich und mental nur noch sehr schwer zu erfassen ist. Zumindest in meinem “Verständnis” dieser sehr komplexen und existenziell bedeutsamen Angelegenheit.
Aber sehr wahrscheinlich verstehe ich Deine Frage einfach nicht…
2. Januar 2009 um 14:26
Lieber Martin,
schön, dass du dich auf die Fragen eingelassen hast und sie auch beantwortet hast. – Um den Verlauf dieses “Gespräches” ein wenig ins rechte Licht zu rücken, möchte ich mich jetzt als Unterstützer dieses Projekts “outen”. Ich war damals bei der Entstehung der Idee schon überzeugt davon, dass dieses Projekt, mit den richtigen Ideen ausgestattet, den “Mythos Begabung” sowie die allgemeine Wahrnehmen hochbegabter Menschen in ein konstruktiveres/positiveres Licht rücken kann (!).
Dieses kleine “Rollenspiel” (Idee vs. Kritik) halte ich jedoch für mindestens genauso wichtig, wie das Werk an sich. Denn welchen Sinn macht dieses Werk denn, wenn wir nicht alle bereit sind einen konstruktiven Dialog zu führen, der die Probleme, Missverständnisse und Ängste herausholt aus der Gedankenwelt der Menschen, um alsdann erfahrbar zu werden?
Wir alle wissen, dass “Hochbegabte” Menschen nicht individueller sind als Andere, “Normalos” auch. Deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn dieses Buchband das Ziel erreicht, die vorhandene Einheit zwischen allen Menschen zu betonen und dadurch den “Hochbegabten” wie auch den “Normalos” zu verstehen hilft.
Martin, zu deiner Antwort auf die zweite Frage möchte ich noch einen von mir wahrgenommen Hinweis in den Denkraum werfen: wenn ich als “nicht Linguist” das Wort Hochbegabt höre, dann denke ich an etwas un-fassbares. Mir fallen tausend Dinge ein, mit denen ich die Persönlichkeit um die es geht “einpacken” kann. Ich frage mich nichts, denn ich glaube mit hochbegabt sei alles über sie/ihn gesagt. – Beim dem Wort Hochleister stelle ich mir die Frage, was der denn “hohes” leisten kann und mache mir weniger Gedanken darüber, was der Andere ist – ich schaue mir an was er tut.
Nicht das diese Begrifflichkeiten perfekt wären, doch ich glaube, dass die Begriffsänderung eine neue Assoziatonsmöglichkeit erschafft… solange wir verbalisierte Sprache zur “Wahrheitskreation” nutzen ist dein beschriebener Werkzeugcharakter glaube ich sinnvoll.
Was glaubst du?
2. Januar 2009 um 16:18
Wir bleiben dran
Dein Bestreben wie auch das von Frau Stedtnitz (“Mythos Begabung” Huber Verlag), “Begabung” als Mythos zu entlarven finde ich in gewisser Hinsicht wertvoll. Gleichzeitig geht von dort auch eine “Gefahr” aus, die ich bezugnehmend auf Deinen letzten Kommentar ansprechen möchte.
Stedtnitz’ Buch war sehr darum bemüht aufzuzeigen, dass aussergewöhnliche Leistungen ihren Ursprung nur zu einem geringen Maß in messbar überdurchschnittlicher Intelligenz haben. Die naheliegende Schlussfolgerung: alle Menschen, so sie angemessene Leistungsmotivation, Ausdauer und Konzentrationsvermögen entwickeln, können Aussergewöhnliches vollbringen.
So wichtig ich diese Demokratisierung des Leistungsvermögens finde, welche Leistung, Erfolg und Intelligenz entkoppelt, so wenig berücksichtigt und angesprochen fand ich mich in Stedtnitz’ Buch an vielen Stellen. Mit dem Fokus auf das Leistungsvermögen und noch mehr auf die gesellschaftlich relevante also erwünschte Leistung wird ein sehr enger Rahmen gesetzt, der gerade das subjektive Empfinden einer Minderleistung (Underachievement) bei Hochbegabten noch verschärfen kann. Während Stedtnitz betont, dass Erfolg grundsätzlich nur aufgrund persönlicher Erfolgskriterien überprüft werden kann, geht Csikszentmihalyi in seinem Buch “Kreativität” noch einen Schritt weiter und sieht legitime kreative Leistung nur dort, wo ihr kreativer Wert (gesellschaftlich) anerkannt wird.
Während ich gerade in Faltins Buch “Kopf schlägt Kapital” lese und dort, wie in vielen Veröffentlichungen, welche sich mit dem Thema erfolgreiches Unternehmertum befassen, den Hinweis finde, dass Erfolg häufig auf reduzierter Komplexität und auf Einfachheit des Konzepts beruht, komme ich mit der schwierigen Beziehung zwischen Leistung und Begabung in Kontakt. Gerade bei Hochbegabten können die “Übersicht”, das grosse Abstraktions- und Denkvermögen, die aussergewöhnlichen Assoziationen, die ungebremste Fähigkeit, alles in Frage stellen zu können und eine unbändige Kreativität zu einer Komplexität und einer Vielfalt an Wahlmöglichkeiten führen, welche eine totale Lähmung aller Impulse und Handlungsfähigkeit zur Folge haben.
Gerade bei Hochbegabten kann das aussergewöhnliche Abstraktionsvermögen zu einem nahezu vollständigen Unvermögen führen, sich einigermassen verständlich zu machen, sodass sie sich häufig einer der Situation wieder finden, wo sie von anderen als zu kompliziert und verworren betitelt werden.
Aussergewöhnliche Begabung kann in vielerlei Hinsicht, aufgrund sehr unterschiedlicher Rahmenbedingungen und persönlicher Beschränkungen zu grossen Problemen führen, wenn es darum geht, gesellschaftlich relevante Leistungen hervorzubringen. Und gerade in diesen Situationen greifen viele der Standardmodelle der (Lebens-)Strategieentwicklung, Problemlösung und Entscheidungsfindung überhaupt nicht mehr; sind in vielen Situationen sogar kontraproduktiv.
Ich hatte kürzlich erst mit einem hochbegabten Freund, der sich nicht zu den Hochleistern zählt, ein Gespräch über die Begrifflichkeit des “Hochleisters”. Er fühlte sich von diesem Begriff nur noch mehr unter Druck gesetzt und fand sich erneut schmerzlich vor sein gefühltes Scheitern gestellt.
Insofern bin ich dafür, beide Begrifflichkeiten getrennt von einander zu nutzen. Hochbegabte haben, das wäre meine Schlussfolgerung aus Stedtnitz’ Buch, die gleichen Voraussetzungen, normale oder aussergewöhnliche Leistungen hervorzubringen, wie die meisten anderen. Nur, und das ist der wesentliche Punkt, um den es mir hier und in diesem Projekt geht: Glück, Sinn und Zufriedenheit liegen nicht allein im Leistungsvermögen, sondern vor allem im Prozess der subjektiv produktiven Entwicklung des eigenen Potentials (womit wir wieder bei Fromm und seiner Orientierung am Sein herauskommen). Dieses Potential liegt eben nicht nur im Breich der Leistungsfähigkeit sondern auch in der Fähigkeit zu lieben, zu geniessen, loszulassen, anzunehmen, zu entspannen, gegenwärtig zu sein, zu träumen, zu denken und in viele weiteren mehr. Die “Leistungen” welche als Ergebnis unserer subjektiv produktiven und erfüllenden Entwicklung in die Welt kommen oder nur in unserer eigenen Welt verbleiben und auf geheimnisvolle Weise wirken, müssen und werden von der Gesellschaft nicht immer als Leistung, schon gar nicht als Hochleistung angesehen. Sie haben somit nicht immer Erfolg und das Prädikat “aussergewöhnliche Leistung” zur Folge.
Ich weiss nicht mehr, ob es Schumpeter oder Drucker war, der den Entrepreneur als Zerstörer und Neugestalter beschrieb. Die “Leistungen”, welche zum Teil aus der Domäne der Hochbegabten und Hochkreativen in die Welt kommen, können manchmal als bedrohlich und zerstörerisch für die vertraute Ordnung wirken und gerade darum nicht als Leistung im aktuellen Kontext erscheinen. Auch diese doppelte Stellung als erwünschte Innovationstreiberin und Motor des Fortschritts auf vielen Ebenen einerseits und der unbequemen Zerstörerin etablierter Ordnungsgefüge andererseits, welche mancher Hochbegabten zukommt und die Schwierigkeit, in diesem Gefüge ein gesundes Gefühl gesellschaftlicher Teilhabe zu entwickeln macht einen weitere wichtige Berechtigung für dieses Projekt im begrifflichen Rahmen “Hochbegabung” aus.
Und hier gehen wir über die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Hochbegabten hinaus und berühren eine Ebene, wo es für die Gesellschaft auf allen Ebenen, sei es in der Schule, in Konzernen, im Gemeinwesen hilfreich sein könnte, zu einem konstruktiveren Umgang mit dem Thema “aussergewöhnliche Begabung” zu finden, damit die guten Kräfte und Gaben welche zum Teil brach liegen und den Begabten gerade dadurch manchmal zum Fluch werden in den Dienst der (gesellschaftlichen) Evolution treten können.
Christopher Vogler schreibt in seinem Buch “Die Odyssee des Drehbuchschreibers” über Perseus: “Er steht in dem Ruf, von allen Helden am reichsten mit Gaben versehen zu sein; die höheren Mächte sollen ihn dermaßen mit Geschenken überhäuft haben, daß es schon an ein Wunder grenzt, daß er überhaupt noch gehen konnte.”
Das ist natürlich sehr überspitzt formuliert und mag als ein absolutes Luxusproblem angesehen werden. Dummerweise führt genau diese Thematik an vielen Stellen bei Hochbegabten zu Mobbing, Selbstzerfleischung, Selbstzerstörung, in Angstproblematiken und in tiefe Depression. Wenn dieses Buch eines leisten soll, dann diese Situation und die damit einhegehenden Herausforderungen in aller Offenheit zu thematisieren, damit Hochbegabte trotz ihrer Begabung ein glückliches, zufriedenes und sinnvolles Leben als vielleicht exotischer Teil unserer Gesellschaft führen können. Das mag heissen, etwas von der Last der Gaben abzugeben, wo das möglich ist, wahrscheinlich, die Muskulatur der Beine zu stärken und, was ganz wichtig ist, Unterstützung beim Gehen durch andere zu ermöglichen.
Wie in einem früheren Kommentar bemerkt: für mich ist Beides wichtig, Begabungen und Grenzen bzw. Gefährdungen im Blick zu behalten.
2. Januar 2009 um 16:59
Wie ich schon schrieb, Martin, sind die Begriffe “Hochleister” und Hochbegabter” beide nicht perfekt und somit können auch die Assoziationen immer fehlerhaft sein. So wie Affe und Schimpanse beide nicht beschreiben können wie diese optimal Leben könnten, können das diese beiden Begriffe auch nicht. Und selbst wenn man die Worte exploriert, beißt sich die Katze plötzlich in den Schwanz und ich bemerke für mich, dass ich mit geschriebenen oder gesprochenen Worten nicht eine individuelle, dynamische Wahrheit manifestieren kann.
Da ich selbst in das Raster der sog. Hochbegabten od. Hochleister falle, fühle ich mich durch manches, dass mich begrenzt eingeengt und auch durch manches einengendes wohl. Ich glaube jedoch nicht, dass es hier um eine Entweder-Oder-Frage gehen kann. Vielleicht schreiben wir einfach aneinander vorbei und meinen zum Schluss womöglich das Gleiche?! Denn, nichts muss aber alles kann.
Vielleicht könnten wir Beide voneinander einiges übereinander und unsere Weltanschauungen lernen.
Ich bin froh, dass du da bist, Martin – und das du dieses Projekt wieder ermöglichst
2. Januar 2009 um 17:40
Uff, Danke Sascha für den intensiven Dialog.
Für mich ist das Dialogische häufig hilfreich, denn es triggert Gedanken und schafft Anlass, diese nach draussen zu bringen.
Wir haben ganz sicher eine sehr ähnliche Haltung, ähnliche Werte und ein ähnliches Vorgehen mit den begrifflich so schwer zu fassenden Phänomenen.
Und ganz sicher wird es langsam mal Zeit, das wir vom Schreiben in den direkten Dialog oder noch besser ins konkrete Handeln kommen. Bei einem Kaffee dann vielleicht.
4. Januar 2009 um 14:49
Let´s go!
14. Januar 2009 um 11:16
Hallo Martin,
nun bin ich endlich einmal dazu gekommen, in deinen Blog reinzuschauen, und ich muss sagen, ich bin tief beeindruckt – auch von dem ausgesprochen sophistischen Dialog mit Sascha Feth. Auch wenn ich, wie du weißt, gerade an meinem eigenen Buchprojekt bin, mache ich gerne mit.
Gruß
Bernd
14. Januar 2009 um 14:31
Hallo Bernd,
herzlichen Dank für das Kompliment. Ja, Sascha und ich haben uns ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt
. Schön, dass Du dabei bist. Wenn wir Deine Tochter auch gewinnen könnten, wäre das toll.
Ich selbst bin im Augenblick allerdings etwas matt. Insofern erbitte ich mir noch Aufschub bis Mitte Februar. Dann sollte die geballte Flut paralleler Projekte langsam wieder etwas nachlassen…