Keine Angst vor Pausen
Der Wecker klingelt: 6.00 Uhr. Sie sind noch nicht wach, doch die ersten Gedanken blitzen schon freudig in Ihrem Kopf. Was Sie aus dem gestrigen Tag mitgenommen haben und im Schlaf nicht erledigen konnten wartet bereits geduldig auf Sie. Die grossen Herausforderungen, die der neue Tag für Sie bereit hält, helfen Ihnen mehr schlecht als recht aus dem Bett. All das Angefangene und Unbeendete liegt direkt vor der Schlafzimmertür und heftet sich an Ihre Versen, sobald Sie daran vorüber gehen. Sie fühlen sich getrieben von kleinen Befürchtungen, mittelmässigen Sorgen und einer chronischen inneren Unruhe. Und über all dem schwebt ein ängstlicher Gedanke: “Wie soll ich das alles schaffen?” Kennen Sie das?
Vielleicht sind Sie am Abend zuvor spät ins Bett gegangen. Vielleicht haben Sie schlecht geschlafen, vielleicht gut. Das ist jetzt egal. Eine neue Schlacht ruft…
Eine Hoffnung, ein heiliges Versprechen treibt Sie weiter: “Nur noch dieses zu Ende bringen, nur noch jenes erledigen, dann kann ich mich endlich entspannen, dann kann ich endlich zur Ruhe kommen. Nur noch dieses zu Ende denken und jenes abschliessend entscheiden. Nur dieses eine Problem lösen, diese eine Unklarheit ausräumen, dann kann ich mir endlich Ruhe gönnen und neue Kraft schöpfen.”
Aber der ersehnte Moment tritt nicht ein. Wie der verzweifelte Kampf gegen die Hydra: kaum ist ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue Köpfe nach. Für jede erledigte Aufgabe werden Sie mit zwei neuen belohnt. Für jedes erledigte Projekt hält der unruhige Unternehmer in Ihnen zwei neue bereit. Kennen Sie das?
Viele meiner Kunden fordern sich alltäglich ausserordentliche Höchstleistungen ab. Sie sind mit fünfzig bis sechzig Wochenarbeitsstunden nicht nur überdurchschnittlich im Beruf engagiert (vom nicht messbaren inneren Engagement ganz zu schweigen). Darüberhinaus versuchen Sie dies mit einem Familienleben und häufig noch ehrenamtlichen Aktivitäten in Einklang zu bringen.
Heute morgen kam eine Kundin zu mir ins Büro, ganz aufgewühlt und unruhig. Sie behielt den Mantel an. Eigentlich wollte Sie den Termin absagen und gleich wieder gehen. Sie schien keine Zeit zu haben für das Gespräch mit mir. Einige Dinge im Privaten und einige im Unternehmen hatten sich in den letzten Tagen unerfreulich entwickelt und sie war überzeugt, diese Dinge erst bewältigen, klären und Entscheidungen treffen zu müssen, bevor sie die Ruhe hätte, mit mir Gespräche zu führen.
Ich habe sie höflich, aber bestimmt eingeladen, sich folgende Frage zu stellen: “Was wird Ihnen mittelfristig mehr Entlastung bringen? Wenn Sie jetzt wieder gehen und versuchen sich in der gewohnten Art durch all die Wirrnisse und auf Sie einprasselnden Phänomene durchzuwursteln? Oder vielleicht doch, sich einen Moment Zeit zu nehmen, nicht dem inneren Drang zum Handeln nachzugeben, um ein bisschen Ruhe ins “System” zu bringen, zu innerer Klarheit zu finden und nachhaltige Strategien zu entwickeln?”
Die Betonung liegt hier auf “mittelfristig”. Kurzfristig scheint es viel wirksamer zu sein, zu handeln und dem Aktivismus nachzugeben, Nägel mit Köpfen zu machen, die anstehenden Dinge hinter sich zu bringen. Kurzfristig ist es viel unbequemer und scheint es viel weniger effektiv, sich Zeit zu nehmen, um sich mit den Komplikationen in Ruhe auseinanderzusetzen.
Mein Engagement heute morgen hat sich gelohnt. Meine Kundin zog den Mantel aus. Blieb ein Stündchen. Und hat es nicht bereut. Im Gegenteil.
Bei Richard Carlson habe ich eben eine kleine Passage gelesen: “Ich arbeite nun schon seit über einem Jahrzehnt im Bereich der Stressbewältigung und habe seitdem viele aussergewöhnliche Leute kennengelernt. Mir fällt jedoch kein einziger innerlich ausgeglichener Mensch ein, der nicht buchstäblich jeden Tag ein paar ruhige Minuten für sich allein verbringt.”
Wie ist das bei Ihnen? Gönnen Sie sich solche Momente? Haben Sie vielleicht sogar Rituale, die Ihnen alltäglich helfen, Klarheit zu finden? Lassen Sie den Affengeist, der ohne Unterlass von Baum zu Baum springt, hin und wieder ein bisschen zur Ruhe kommen?
Ich möchte Sie gerne einladen, dass Sie sich solche Zeiten “gönnen”. Nehmen Sie sich jeden Tag ein bisschen Zeit, um einfach nur zu atmen, zu spüren, was in Ihnen vorgeht, um die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen und den inneren Macher temporär an die frische Luft zu setzen. Und glauben Sie mir: Sie müssen es regelmässig tun. Es wird nicht funktionieren, wenn Sie das alle paar Tage mal versuchsweise machen.
Was so schön und idyllisch klingt, ist für die meisten Macher, ob Unternehmer, Führungskraft oder anderweitig engagiert, alles andere als angenehm. Auch wenn das Gegenteil behauptet wird: es fällt den meisten viel leichter, sich mit irgendetwas zielgerichtetem zu beschäftigen, als sich den “inneren Bedrohungen” auszusetzen, die ein paar “schöne” ruhige Minuten für den hyperaktiven Menschen mit Führungsverantwortung mit sich bringen.
Es braucht Zeit, es braucht Geduld und es braucht regelmässige Wiederholung, um der inneren Unruhe die Zeit zu geben, sich zu beruhigen und es gibt schliesslich keine wirklich wirksame Methode, um diese Ruhe herbeizuzwingen oder sonst irgendwie zu machen. Innere Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, geschieht nicht durch Machen, sondern durch Lassen. Das Bedürfnis nach Steuerung und Kontrolle aufzugeben und darauf zu vertrauen, dass der Körper in der Lage ist, ganz allein ein inneres Gleichgewicht herzustellen, gehört häufig nicht zu den ausgeprägten Fähigkeiten von Unternehmern und Führungskräften.
Was heisst das übersetzt? Dass Sie hier vielleicht noch ganz viel Potential haben, welches Sie entwickeln können. Und das Sie hier etwas lernen können, das sich ganz unauffällig auf Prozesse im Führungs- und Unternehmeralltag übertragen kann. Denn alle wesentlichen Prozesse lieben, neben einer angemessenen Steuerung, den Raum, sich ihrem eigenen Rhythmus gemäss zu entwickeln und zu entfalten.
Wenn Sie sich also diese Zeiten der Ruhe gönnen, oder sollte ich besser sagen “verschreiben”, und sei es nur für 10 - 15 Minuten täglich, dann werden Sie spüren, wie Ihre Tage nach und nach durchdrungen werden von Klarheit und mehr innerer Ruhe. Und Sie werden merken, dass Sie Ihre Tage und die jeweiligen Anforderungen in einem weniger harten Griff halten können, ohne dass Sie Ihnen entgleiten. Im Gegenteil….
Die Arbeit hält drei große Übel fern: die Langeweile, das Laster und die Not.
Voltaire
Verwandte Beiträge
- Kleine Pausen sind kleine Ferien
- Martins QuickTipp - Viele kleine Pausen erhöhen die Leistungsfähigkeit
- Haben Sie schon Ihre eigene Computer Radio Station?
- Suchen Sie immer noch bei Google?


RSS-Feed abonnieren.





