Es gibt Menschen, die behaupten, es gäbe keinen Zufall und solche, die behaupten es gäbe kein Schicksal. Ich gebe beiden Recht. Neulich war ich in Köln auf der Didacta, einer Messe, welche sich um Bildung und Lernen auf allen Ebenen dreht, als plötzlich meine Handy klingelte. Am Telefon ein Freund, der mich fragt, ob ich eigentlich EKS® kenne?
Na ja, die kannte ich. Herr Mewes hatte die vor einigen Jahrzehnten entwickelt und daraus ein nettes Konzept gebastelt, welches er an willige Unternehmer weiterverkauft. EKS steht für Engpasskonzentrierte Strategie und beschreibt einen Weg, wie geschäftstüchtige Menschen, ihr Unternehmen nachhaltig zum Erfolg führen können.
Nach einigen kommunikativen Nebenpfaden über Hypnose und Autohypnose beendeten wir unser Gespräch. Ich humpelte weiter über die Messe, ich hatte mir tags zuvor meine linke, kleine Zehe böse am selbstgebauten Sofa verstaucht, um wenige Minuten später über den Stand des “Strategie Forums e.V.” zu stolpern. Dieser Verein schafft einen guten, deutschen Rahmen für all die scharf ausgerichteten Unternehmer und Selbständigen, welche sich auf die Verdienste des obengenannten Strategiekonzepts berufen. Zufall? Schicksal?
Ehrlich gesagt war mir das ziemlich egal. Ich freute mich einfach mit einem Spezialisten über das Thema “Strategie” zu fabulieren und wollte wissen, inwieweit er wohl in der Lage sei, mit einem strategischen Wildwuchs wie mir klarzukommen. Ich kann sagen: er schlug sich wacker.
Die Fragen, mit denen ich ihn peinigte, waren die folgenden: “Soll ich mich auf ein bestimmtes Thema ausrichten, um mich damit als Spezialist zu positionieren oder soll ich weiterhin der Hans-Dampf-in-allen-Gassen bleiben, der ich war?” “Soll ich den Quasitod der vermeintlichen Langeweile sterben, indem ich mich entscheide, von all den schönen, interessanten Dingen zu lassen, um mich ganz einer Sache zu widmen? Oder soll ich meine Energie weiterhin in tausend unterschiedliche Richtungen laufen lassen und mich dabei vollkommen aufreiben?”
Kennen Sie solche Situationen? Zu viele Wahlmöglichkeiten? Zu viele Verführungen? Zu viele Pfade, die eventuell ins Glück führen, aber nicht den Mut, einen bis zum Ende zu gehen? Nein? Dann wird Sie der weitere Text vermutlich langweilen. Vielleicht schicken Sie ihn lieber an einen Menschen weiter, der ihn besser gebrauchen kann und nutzen Ihre Zeit anders.
Die Standardanregung eines weniger komplexen Menschen lautet grundsätzlich: “Mach’s doch nicht so kompliziert.” Und ein solcher glaubt tatsächlich, es gäbe triviale Lösungen für ein nicht-triviales Problem. “Weit gefehlt!” kann ich da nur ausrufen und um Ihnen den langen, steinigen Pfad der Erkenntnis ein wenig zu erleichtern, möchte ich gerne meine Gedanken zu diesem Thema mit Ihnen teilen und einen Lösungsansatz vorschlagen, den ich erprobterweise für gangbar halte.
Ein bisschen Theorie, wie Dilemmata auf hohem Niveau zu lösen sind. Ein Dilemma zieht seine ganze Kraft aus einer banalen Grundannahme: “Es gibt ein Problem und für dieses gibt es nur zwei Lösungsalternativen, welche beide gleichsam unerträglich sind.” Dilemmata gibt es in zwei Geschmacksrichtungen:
- Das Für-welchen-Partner-soll-ich-mich-entscheiden-Dilemma einer Dreiecksbeziehung: hier geht es um die Wahl zwischen zwei gleich positiven Alternativen. Man verliert immer das andere, ebenso Kostbare.
- Das Von-einem-Tiger-gejagt-werden-und-vor-einem-tödlichen-Abhang-stehen- Dilemma: hier geht es um die Wahl zwischen zwei gleich negativen Alternativen. Man kriegt in jedem Fall das, was man nicht will.
Nun zur Lösung: man knackt das Dilemma freundlich mit drei Alternativen zum Entweder-Oder (in Anlehnung an Varga von Kibèd und die buddhistische Logik):
- Sowohl als auch: Bigamie bzw. ein bisschen vom Tiger anknabbern lassen und dann in den Abgrund springen.
- Keins von Beidem: Ins Kloster gehen bzw. mit dem Tiger kämpfen und ihn in den Abgrund stossen.
- All dies nicht und auch das nicht: Gemütlich weiterleben und die anderen die Kinder machen lassen bzw. den Tiger in eine Ameise verwandeln und dann aus dem Alptraum Erwachen.
Die pragmatische Schlussfolgerung: wenn Sie zu den wilden unter den Unternehmern und Führungskräften gehören, dann verwirklichen Sie das Brangelina-Jitt-Modell.
Spezialisieren Sie sich im Beruf, verzetteln Sie sich im Privatleben oder in einer kreativen Aktivität, wie Malen, Schreiben, Musizieren, Theaterspielen und schicken Sie die Vertreter des protestanitischen Kapitalismus der Fuggers, Franklins, Webers und Rockefellers, die das Heil allein in der Arbeit versprechen in die Wüste ihrer eigenen heeren Ideale.
Spezialisieren Sie sich im Beruf auf Teufel komm raus. Und zwar radikal an zwei Dingen orientiert:
- Was fällt mir leicht?
- Womit verdiene ich gutes Geld?
Mit einer kleinen Ergänzung entsprechend Ihren ethischen Bedürfnissen (Sie haben doch welche, oder?):
Was kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren?
Räumen Sie radikal auf mit der calvinistischen Grundhaltung: Du musst Deinen ganzen Sinn, Deine Berufung, Deine Talente, Deine tiefsten Überzeugungen den ganzen Tag leben und damit Dein Geld verdienen. Damit tun Sie nicht nur sich, Ihrer Familie und Ihren Freunden einen Gefallen, Sie ermöglichen all den Menschen die jetzt und in Zukunft ihren Lebenssinn nicht mehr über Arbeit definieren können (weil sie keine finden), sich in guter Gemeinschaft zu fühlen. Darüberhinaus geben Sie sich die Chance, die Welt mit all den anderen Talenten, die sie Ihr eigen nennen zu beglücken.
Man mag über Angelina Jolie und Brad Pitt denken was man will. Aber die Beiden machen das wirklich nett: ein bisschen Schauspielern an der amerikanischen Westküste, ein bisschen in Kameras Lächeln, ein bisschen Teilhabenlassen am Privatleben und auf der anderen Seite viel Zeit, Energie, Ressourcen einsetzen für edle Ziele.
Die alten Griechen wären niemals auf die Idee gekommen, das Wichtigste im Leben sei Arbeit und das völlige Aufgehen im Beruf. Das Leben bestand für Sie darin, seine Fähigkeiten zu entfalten, zu lernen, die Natur des Menschen, des Universums zu ergründen und das alles in einer möglichst angenehmen Atmosphäre. Natürlich: es gab auch Sklaven und andere unerfreuliche Einrichtungen, aber der Mensch entwickelt sich glücklicherweise weiter: heute haben wir Roboter und Vollautomatisierung.
Die Kunst, die Musik, das Theater, die Philosophie, die Literatur, die Wissenschaften, die Religionen wären undenkbar ohne Menschen, die dem reinen Nutzendenken entsagt hätten. Geben Sie Ihrem schwäbischen Herzen einen Ruck. Nehmen Sie sich und Ihre Arbeit nicht so ernst. Denken Sie nicht nur an das, was Sie erreichen wollen, sonden auch daran, welches Leben Sie hier und heute führen wollen. Mit Ihrer Familie, Ihren Freunden, Ihren Mitarbeitern. Denken Sie ein bisschen darüber nach, wie Sie Ihre Energie sinnvoll, im leichten Sinne, einsetzen können, sodass die ganze Welt davon profitieren kann.
Ein Bekannter hat heute zu mir gesagt: “Ich habe keine Möglichkeit, die Menschheitsgeschichte zu beeinflussen.”
Wenn nicht Sie, wer dann?