Ein uralter Blog-Beitrag Guy Kawasakis hat mich einmal mehr auf die ChangeThis-Seite gelockt. Diesmal, um mir Hugh McLeods (Gaping void) eBook “How to be creative” herunterzuladen. Die Nacht war kurz, obwohl ich den zweiten Teil der Lektüre heute Nacht um zwei dann doch vertagen musste.
An vielen Stellen dachte ich, “Oh wow, das muss ich Dingens schicken”, “Hej, genau mein Thema” oder “Das könnte X weiterhelfen”. Und gleichzeitig entwickelte ich während der Lektüre, die sich unglaublich realistisch und abgeklärt gibt, Ablehnung gegen einige der Aussagen und Ansichten des Autors
Sicher, Desillusionierung kann eine grosse Hilfe sein, zumal wenn man sich in großen Höhen geistiger Überflüge ikarusgleich allzu großer Sonnenstrahlung aussetzt. Ich praktiziere seit 18 Jahren Zen-Buddhismus und kann ein Liedchen davon singen. Doch während ich einige hilfreiche Hinweise in McLeods Text finde oder wenigstens anregend provokative, wie “Ignore everybody”, “Put the hours in”, “Don’t try to standout from the crowd; avoid crowds alltogether”, schlägt er sich doch nur auf die Gegenseite narzistisch kreativer Lebensentwürfe.
Gerade dieses Bedürfnis, Stellung zu beziehen scheint mir mühsam und der Entwicklung kreativen Ausdrucks wenig förderlich. Standpunkte besitzen sowieso nur eine Halbwertszeit von wenigen Tagen, wie meine hier, und werden durch unser eigenes Handeln und die weiteren Entwicklungen äusserst schnell wieder weggewaschen.
Ich frage mich, ob es wirklich besser ist, den indirekten Weg zu wählen, den Kafka’schen, den Frisch’schen, der das Einkommen sicher hält und das kreative Leben in den materiell unkritischen Bereich verlegt. Oder ob es besser ist, den van Gogh’schen Weg zu wählen, der alles ins Spiel wirft und die materiell, existenziellen Herausforderungen als Trigger persönlicher und kreativer Entwicklung zu leben und anzunehmen einlädt.
Ich frage mich weiter, ob es wichtig ist, hier Stellung zu beziehen. Ob es überhaupt “richtig” und “falsch” gibt und inwiefern die Schlauheit des Einen, der seinen (aktuellen) Weg für sich gefunden hat, überhaupt Übertragbarkeit auf die Situation irgendeines anderen geniessen kann.
Vielleicht ist es besser, wenn Sie jetzt Ihre ganzen Versuche, das Leben eines erfolgreichen Künstlers oder Unternehmers zu leben aufgeben und sich endlich einen Job suchen. Vielleicht ist es wichtig, dass Sie endlich Ihren Job hinwerfen, alle Risiken in Kauf nehmen, um endlich Ihrer wahren Berufung zu folgen. Vielleicht ist es das Beste, wenn Sie Ihren Job behalten und gemäss McLeods Rat ihre Kreativität, ihre unternehmerische Initiative frei von fremder Einflussnahme im Bereich einer materiell abgesicherten Existenz entwickeln. Vielleicht ist es am besten, wenn Sie ganz etwas anderes tun, wie Richard Branson zum Beispiel oder Bill Gross, der Parallelunternehmer oder Muhammad Yunus.
Unter uns: wer weiss das schon? Welcher Ratgeber, welcher Berater und Coach, welche Hellsichtige, welcher intellektuelle Schlaumeier, welcher “Vor- und kreativer Querdenker” kann uns denn helfen, den für uns richtigen Weg zu gehen? Niemand und jeder, wenn wir uns unsere Fähigkeit selbst zu entscheiden und zu denken bewahren. Oder besser unsere Fähigkeit, uns in jedem gegebenen Moment von dem überraschen zu lassen, was wir als nächstes tun und von der Richtung in welche wir unsere Schritte lenken werden.
Gerade das scheint mir manchmal eine grosse Bremse für den lebendigen Ausdruck unserer Kraft und die Entwicklung unserer ureigenen Potentiale zu sein, diese Hoffnung auf klugen Rat durch andere. Die Hoffnung auf Weisung, Wissen und Klarheit, welche von aussen kommen.
Vielleicht fange ich jetzt erst an, meine naive Haltung aufzugeben, welche sich irgendwo dort draussen bei den Hippen der Kreativität, der Weisheit, der Beratung, der Begabung, der Produktivität, des Unternehmertums, des intelligenten Lebensstils, der Innovation die genialen Hinweise und Orientierungshilfen erhofft.
Das eigene existenzielle Messer, ob kreativ, hochleistend oder sonstwie entspannt an den Schlauheiten und Wahrheiten der anderen zu wetzen, scheint mir viel interessanter, als ihren ausgetretenen Pfaden zu folgen. Das eigene Skalpell schärfen, damit es die Illusionen zerschneidet und die eigene “Wirklichkeit” offenlegen, welche wir mit jedem Atemzug, mit jeder echten, unmittelbaren Handlung erschaffen und mit allen anderen Handlungen auch – das scheint mir existenziell wichtig.
Welchem klugen Ratschlag folgend gehen Sie schon seit Jahren in die Irre? Welche jüngeren und älteren Glaubenssätze nutzen Sie tagtäglich, um sich am freien Ausdruck zu hindern? Was bräuchten Sie, um diese Krücken existenzieller Absicherung Ihrer vorübergehenden Identität loszulassen?