
Draussen unter Null Grad. Hier drinnen freudig frühlingshaftes Gezwitscher: Celsius. Ach ja, und Otto – Wellensittiche aus der Nachbarschaft zu Besuch in meinem Büro. Die Geräusche vorbei fahrender Autos. Lautes Knallen, wie Kanonenschläge, Sylvester-Kracher – vereinzelt noch. Der erste Tag des neuen Jahres. Klirrend kalt.
Wie eigenartig doch, den Jahresbeginn in den Winter zu legen. Kälte als Künder des Kommenden, Neuen? Wer hat sich das ausgedacht? Da lobe ich mir die Franzosen, die mitten im Sommer das grösste Feuerwerk abfackeln. Bei denen das Jahr Anfang Juli endet und das Neue erst nach einer zweimonatigen Pause im September beginnt. Mit den angenehmen Nachwirkungen des ausklingenden Hochsommers, dem Wein in den Adern und der Sonne im Herzen. Aber würde ich wirklich gerne tauschen? Manchmal ist “weder noch” die beste Alternative zu “entweder oder”. Ich könnte mich auf die britischen Inseln retten. Aber wie wäre es für diesmal mit “sowohl als auch”: Ein bisschen deutsch, ein bisschen französisch?
Von einem Franzosen stammt der Auspruch: “Die Deutschen sind so ordnungs- und planungswütig, weil sie zu doof sind zum Improvisieren.” Was natürlich eine grobe Vereinfachung ist, in der pointierten Formulierung aber durchaus seinen Charme hat und bestenfalls anregt, über den eigenen Umgang mit Zeit, mit Zielen und mit der Zukunft nachzudenken. Ist es wichtig, sich Ziele für das neue Jahr zu stecken? Vorsätze zu fassen? Oder sollten wir am Besten einfach alles auf uns zukommen lassen? Wollen wir uns auf die Seite des deutschen oder jene des französischen Klischees schlagen?
Wenn Sie mich fragen, dann sind das nur Scheinalternativen. Manchmal kann uns dieses Denken in entgegengesetzten Optionen regelrecht lahmlegen. Und gleichzeitig kann sich zwischen diesen beiden extremen Polen, dem Planvollen einerseits und dem Improvisieren andererseits eine kreative Spannung aufbauen, welche hervorbringt, was das jeweilige Extrem alleine nicht hervorzubringen vermag.
Wenn wir einerseits Ziele formulieren, planen, eine Vision von einer erwünschten Zukunft entwickeln, dann können wir zu einer Perspektive finden, welche Lust macht, morgens in guter Stimmung die Geborgenheiten der kuscheligen Schlafstatt zu verlassen. Wir können Motive kultivieren, welche unsere besten Energien mobilisieren und ausrichten. Wir können eine Orientierung finden, welche in unüberschaubarem Alltagsgewühl wie ein Leuchtturm am Horizont aufragt und uns hilft, das Wesentliche im Auge zu behalten.
Wenn wir andererseits offen bleiben, für alles Unwägbare, für die Überraschungen, die unerwarteten Herausforderungen, dann bleiben wir beweglich. Wir können spielerisch mit den Widrigkeiten umgehen, welche mit grosser Sicherheit den idealen Weg unserer Zielerreichung durchkreuzen werden. Und gerade in diesem tänzerischen Zugang können wir in den Herausforderungen die verborgenen Schätze finden, seien es Fähigkeiten, Ressourcen oder neue Beziehungen, welche nicht nur unser Projekt unterstützen, sondern manchmal in seiner Bedeutung und Wirkung erweitern und uns darüber hinaus persönlich bereichern können.
Und vielleicht ist es wichtig, sich diesen Punkt immer mal wieder vor Augen zu führen: Wir entwickeln eine Vision, um unsere beste Energie für jene Aspekte unseres Lebens zu mobilisieren, die uns wesentlich wichtig sind. Wir entwickeln Ziele wie Magneten, die wir in die Zukunft werfen, damit sie uns mit grosser Kraft zu sich ziehen. Wir planen, um uns auf gute und konkrete Weise mit all dem zu verbinden, was uns jetzt zur Verfügung steht, damit wir unserem Ziel näher kommen. Und gleichzeitig dürfen wir offen bleiben für all das, was uns das Leben entgegenbringt, sei es vertraut und bequem oder lehrreich und unbequem. Wir dürfen offen bleiben, für all die Wege, auch die steinigen, die wir nutzen können, um zu verwirklichen und zu leben, was uns wesentlich wichtig ist.
Von Nietzsche stammt der Ausspruch:
“Viele sind hartnäckig in Bezug auf den einmal eingeschlagenen Weg, wenige in Bezug auf das Ziel.”
Es könnte sich lohnen, an Ihren guten Vorsätzen festzuhalten. Vielleicht auch, sich zu fragen, welches tiefere, wichtigere Ziel hinter dem jeweiligen Vorsatz liegt: sei es nun das Ende Ihrer Raucherkarriere, Ihre unternehmerische Entwicklung, finanzielle Situation, Gesundheit oder irgendein anderes Thema.
Dann erkennen Sie vielleicht an der einen oder anderen Stelle, dass
- nur ein kleines Wegstück ist, was Sie für ein Ziel hielten und
- es interessant und taktisch klüger sein könnte, erst noch das eine oder andere Wegstück zurückzulegen.
Wenn Sie am Vorsatz “Ich möchte mit dem Rauchen aufhören” scheitern, dann vielleicht nur, weil das wichtige Ziel, das dahinter steht ein grösseres ist. Zum Beispiel: “Ich möchte mich selbst wertschätzen und gut mit mir umgehen.” Und dann gibt es vielleicht noch ein paar andere Wege, die sie zuerst oder parallel ausprobieren wollen, um dann quasi automatisch in einem Leben zu landen, das ohne den schädlichen, übermässigen Konsum irgendwelcher Rauchwaren auskommt.
Aber das führt hier zu weit. Mehr zu den Themen “Planen”, “Überraschen lassen” und “Improvisieren” sowie zu vielen anderen Themen in den folgenden Newslettern. Lassen Sie sich überraschen.
Es ist ein heiteres Paradox, dass wir dann vollkommen im gegenwärtigen Augenblick aufgehen, wenn wir uns mit allem, was uns zur Verfügung steht, auf den Weg machen, ein grosses und wichtiges Ziel zu erreichen. Ich bin gespannt, bei der einen oder anderen Gelegenheit von Ihnen zu erfahren, wie Sie eine glasklare, entschlossene Zielorientierung und eine spielerische, pragmatische Taktik zusammenbringen und genau auf diese Weise Erfolg und Heiterkeit in ihrem Leben verwirklichen.
Ihnen bei allem wesentlich Wichtigen viel Erfolg. Alles andere wollen Sie vielleicht bald mal loslassen, denn es gehört möglicherweise jemand anderem.
Ein hochproduktives, erfolgreiches und gelassenenes 2009 wünscht Ihnen
Martin Wedgwood