Stillhalten und Schweigen
Eine geniale Idee zuckt durch Ihr Hirn. Ein, zwei Sätze hingeworfen schimmern fein auf dem Papier. Sie werfen Sätze, Absätze, Seiten hinterher. Feilen, bauen aus, beschneiden, schärfen. Zeile um Zeile, Wort um Wort. Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch und Sie reiten darauf übermütig bis zum Horizont Ihres ersten, von der Welt völlig überrascht aufgenommenen überragenden Erstlingserfolgs.
Die Geschichte, welche in Ihnen entsteht, Formen annimmt, findet unmöglich Raum in nur einem Roman. Sie verlangt nach Fortsetzungen, schreit nach einer Trilogie. Sie sitzen in ihrem imaginierten Haus in Big Sur, im Hintergrund die wilde Brandung des Pazifik, in der einen Hand einen wunderbaren Cognac, in der anderen die druckfrische Ausgabe Ihres dritten Bandes. Im Corbusier-Sessel Ihnen gegenüber sitzt Ihr guter Freund, John Irving, und prostet Ihnen anerkennend zu.
Sie lösen sich aus Ihrem Tatgtraum und nachdem Sie Ihr Werk zum wiederholten Male gelesen, sogar laut vorgelesen haben (eine erste Übung für die vielen Lesungen, welche Sie erwarten) und auch Ihre Ohren das unter Ihren Händen entstehende Werk voller Bewunderung und Liebreiz aufgenommen haben, können Sie nicht mehr an sich halten. Sie wandern mutig und entschlossen, Ihren Laptop frech auf den Unterarm geklemmt, durch die Wohung auf der Suche nach Ihrer Partnerin, die Sie am bevorstehenden Erfolg teilhaben lassen wollen. Sie weiss bereits um Ihr Genie. Natürlich. Sie ermutigt Sie schon länger, Ihr Talent zum Schreiben ernst zu nehmen. Jetzt aber werden Sie den Beweis antreten.
“Darf ich Dir etwas vorlesen” hören Sie sich sagen. Ein Gefühlscocktail aus Stolz, Rührung, Angst vor harscher Kritik und Gleichgültigkeit umnebelt Ihre eben noch scharfen Sinne. Ihre Partnerin mit irgendeiner anderen, für Sie völlig nebensächlichen Aktivität beschäftigt, zwingt ein freundliches Lächeln auf ihr Gesicht und nickt Ihnen ein abwesendes “Ja” zu. Dankbar und kraftvoll machen Sie sich an die erste, quasi öffentliche, Lesung des feinsten Stoffes, den Sie je in Händen hielten und … eben noch gespannt und seidig reisst er in lange, spröde, fadenscheinige Fetzen. Lumpen bleiben. Leere. Lustlosigkeit breitet sich in Ihnen aus. Totaler Spannungsabfall. Krepierte Kreativität. Totes Zeug.
Ihre Partnerin fand das Geschriebene nicht schlecht, im Gegenteil, sie fand es wunderbar. Vielleicht nur passabel, vielleicht zu extrem, zu lang, zu schnell oder zu genial. Egal. Das Tier ist tot. Das Projekt gestorben. Eine grosse Geschichte fällt fahl in kühles feuchtes Erdreich und erhofft sich nur noch eines: sie mögen sie zudecken.
Stephen King schien mir sehr streng mit seiner Forderung, der Schriftsteller möge sein Werk unter Verschluss halten, bis die erste komplette Fassung steht. Auch wenn sein Buch “On writing” keinen anderen nützlichen Hinweis enthielte und darüber hinaus ein stilloses, wenig unterhaltsames wortgefülltes Papier wäre, es hätte sich mehr als gelohnt, es zu lesen, nur um diesen Wink zu entnehmen. Egal welche Rückmeldung Sie bekommen, es ist immer ein unangemessener und unnötiger Eingriff in Ihren kreativen Prozess.
Dorothea Brande liefert in ihrem in den dreissiger Jahren erschienen Buch “Becoming a writer” eine Erklärung, welche King nicht so klar und deutlich fasst: wenn Sie die Idee zu einer Geschichte, Auszüge aus einem enstehenden Werk zum besten geben, dann nehmen Sie sich die Kraft, das Buch zu Ende zu schreiben. Wenn Sie das erste mal vorgetragen haben, entsteht beim weiteren Schreiben das schale Gefühl, sie würden eine Geschichte das zweite mal erzählen. Und der ganze Zauber des Schaffens weicht nüchternem, uninspiriertem Arbeiten. Das ist ganz sicher nicht, was Sie wollen.
Wie sagt Konfuzius so schön: die schwierigste und schmerzhafteste Art zu lernen ist Lernen durch Erfahrung. Ich persönlich war dort. Hatte es nicht geglaubt. Schien über solch niedere Selbstbeschränkung erhaben. Habe gelitten. Bin gescheitert. Habe verstanden.

