Monatsarchiv für Oktober 2007

 
 

Stillhalten und Schweigen

Eine geniale Idee zuckt durch Ihr Hirn. Ein, zwei Sätze hingeworfen schimmern fein auf dem Papier. Sie werfen Sätze, Absätze, Seiten hinterher. Feilen, bauen aus, beschneiden, schärfen. Zeile um Zeile, Wort um Wort. Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch und Sie reiten darauf übermütig bis zum Horizont Ihres ersten, von der Welt völlig überrascht aufgenommenen überragenden Erstlingserfolgs.

Carmel - Big SurDie Geschichte, welche in Ihnen entsteht, Formen annimmt, findet unmöglich Raum in nur einem Roman. Sie verlangt nach Fortsetzungen, schreit nach einer Trilogie. Sie sitzen in ihrem imaginierten Haus in Big Sur, im Hintergrund die wilde Brandung des Pazifik, in der einen Hand einen wunderbaren Cognac, in der anderen die druckfrische Ausgabe Ihres dritten Bandes. Im Corbusier-Sessel Ihnen gegenüber sitzt Ihr guter Freund, John Irving, und prostet Ihnen anerkennend zu.

Sie lösen sich aus Ihrem Tatgtraum und nachdem Sie Ihr Werk zum wiederholten Male gelesen, sogar laut vorgelesen haben (eine erste Übung für die vielen Lesungen, welche Sie erwarten) und auch Ihre Ohren das unter Ihren Händen entstehende Werk voller Bewunderung und Liebreiz aufgenommen haben, können Sie nicht mehr an sich halten. Sie wandern mutig und entschlossen, Ihren Laptop frech auf den Unterarm geklemmt, durch die Wohung auf der Suche nach Ihrer Partnerin, die Sie am bevorstehenden Erfolg teilhaben lassen wollen. Sie weiss bereits um Ihr Genie. Natürlich. Sie ermutigt Sie schon länger, Ihr Talent zum Schreiben ernst zu nehmen. Jetzt aber werden Sie den Beweis antreten.

“Darf ich Dir etwas vorlesen” hören Sie sich sagen. Ein Gefühlscocktail aus Stolz, Rührung, Angst vor harscher Kritik und Gleichgültigkeit umnebelt Ihre eben noch scharfen Sinne. Ihre Partnerin mit irgendeiner anderen, für Sie völlig nebensächlichen Aktivität beschäftigt, zwingt ein freundliches Lächeln auf ihr Gesicht und nickt Ihnen ein abwesendes “Ja” zu. Dankbar und kraftvoll machen Sie sich an die erste, quasi öffentliche, Lesung des feinsten Stoffes, den Sie je in Händen hielten und … eben noch gespannt und seidig reisst er in lange, spröde, fadenscheinige Fetzen. Lumpen bleiben. Leere. Lustlosigkeit breitet sich in Ihnen aus. Totaler Spannungsabfall. Krepierte Kreativität. Totes Zeug.

Ihre Partnerin fand das Geschriebene nicht schlecht, im Gegenteil, sie fand es wunderbar. Vielleicht nur passabel, vielleicht zu extrem, zu lang, zu schnell oder zu genial. Egal. Das Tier ist tot. Das Projekt gestorben. Eine grosse Geschichte fällt fahl in kühles feuchtes Erdreich und erhofft sich nur noch eines: sie mögen sie zudecken.

Stephen King schien mir sehr streng mit seiner Forderung, der Schriftsteller möge sein Werk unter Verschluss halten, bis die erste komplette Fassung steht. Auch wenn sein Buch “On writing” keinen anderen nützlichen Hinweis enthielte und darüber hinaus ein stilloses, wenig unterhaltsames wortgefülltes Papier wäre, es hätte sich mehr als gelohnt, es zu lesen, nur um diesen Wink zu entnehmen. Egal welche Rückmeldung Sie bekommen, es ist immer ein unangemessener und unnötiger Eingriff in Ihren kreativen Prozess.

Dorothea Brande liefert in ihrem in den dreissiger Jahren erschienen Buch “Becoming a writer” eine Erklärung, welche King nicht so klar und deutlich fasst: wenn Sie die Idee zu einer Geschichte, Auszüge aus einem enstehenden Werk zum besten geben, dann nehmen Sie sich die Kraft, das Buch zu Ende zu schreiben. Wenn Sie das erste mal vorgetragen haben, entsteht beim weiteren Schreiben das schale Gefühl, sie würden eine Geschichte das zweite mal erzählen. Und der ganze Zauber des Schaffens weicht nüchternem, uninspiriertem Arbeiten. Das ist ganz sicher nicht, was Sie wollen.

Wie sagt Konfuzius so schön: die schwierigste und schmerzhafteste Art zu lernen ist Lernen durch Erfahrung. Ich persönlich war dort. Hatte es nicht geglaubt. Schien über solch niedere Selbstbeschränkung erhaben. Habe gelitten. Bin gescheitert. Habe verstanden.

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Einen Monat für einen Roman

Nano participantEs ist wieder so weit. Die NaNoWriMo-Pforten sind zum neunten Mal geöffnet. Der National Novel Writing Month (http://www.nanowrimo.org) ist eine Inititative, welche alle Menschen einlädt, die schon immer mal einen Roman schreiben wollten oder ein angefangenes Werk zu Ende bringen wollten, dies zu tun.

Das Prozedere ist einfach:

1. Auf der Webseite anmelden. Seit dem 1. Oktober kann man sich registrieren.
2. Im Zeitraum vom 1. – 30. November mindestens 50.000 Worte eines Romans hervorbringen.

Die Idee ist nicht, ein perfektes, völlig ausgefeiltes, stilistisch rundes und handlungskonsistentes Werk zu vollbringen, sondern gerade den inneren Kritiker und den inneren Perfektionisten in ein einmonatiges Schweigeretreat zu verbannen, um sich ganz und gar, dem Akt des Hervorbringens zu widmen.

Das Ziel ist es, bis zum Ende zu gehen und einen ersten Entwurf in diesem Monat möglichst komplett zu machen. Danach bleibt alle Zeit der Welt für die Überarbeitung, den Feinschliff, die Konsolidierung.

Wie klingt das? Interessant? Dann würde ich mich freuen, wenn ich hier einige Mitstreiter finde.

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Die eigenen Potentiale entwickeln und die Welt retten

KannonIn der zen-buddhistischen Praxis und im gesamten Mahayana Buddhismus rezitiert man jeden Morgen die vier Gelübde des Bodhisattvas.

  1. Die Zahl der Wesen ist unendlich, ich gelobe sie alle zu erlösen.
  2. Gier Hass und Unwissenheit entstehen unaufhörlich, ich gelobe sie zu überwinden.
  3. Die Tore des Dharmas sind zahllos, ich gelobe sie alle zu durchschreiten.
  4. Der Weg des Buddha ist unvergleichlich, ich gelobe ihn zu verwirklichen.

Man könnte sagen, es sei lächerlich, vermessen, solche Wünsche auszusprechen und sich solchen Idealen hinzugeben. Und natürlich ist es unmöglich, auch nur eines dieser Ziele annähernd zu verwirklichen. Ist es deswegen dumm und vermessen, es zu versuchen?

Die Welt, auch die natürliche Umwelt, dadurch zu retten, dass wir unsere Potentiale entwickeln, scheint albern, kindisch und wie eine der grossen Ambitionen, die wir mit den letzten dummen Träumen unserer Jugend beerdigt haben. Unsere Kraft, entschlossen zu handeln, unsere Produktivität müssen Zwecken dienen, Nutzen generieren, nicht unserer Lebendigkeit, unserer Freiheit, unserer ursprünglichen Freude und Neugierde Ausdruck verleihen. Oder?

Wer aber sagt uns, dass es nicht genau diese Träume, Hoffnungen und Ambitionen sind, die das Wertvollste in uns hervorbringen? Das Wertvollste, das die Welt vor falscher Moral, engstirnigen Wahrheiten, Schlaumeiereien, Antworten und Angekommensein beschützt und die Tür weit aufstösst zu Lebendigkeit, Ambiguität, Risiko und heiter verantwortlicher Freiheit? Wer sagt, dass es so intelligent war, sich auf die Seite der Zwecke und des Nutzens zu werfen und die “lächerlichen” Spiele und Vergnügungen aufzugeben?

UniteHeute ist weltweiter Blog Action Day. Tausende von Bloggern weltweit widmen sich genau einem Thema: der Umwelt. Eine grosse Einladung, die verführen könnte, eifrig gegen Klimawandel, unverantwortliches Gebahren der Bewohner der nördlichen Hemisphäre und deren rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen zu wettern. Aber können wir damit unsere Umwelt retten? Können wir mit solchen Grenzziehungen und Grabenkämpfen die Umwelt vor uns selbst beschützen? Ich denke kaum.

Wissen Sie, wann ich angefangen habe, mich für die Belange von Kindern zu interessieren? Als ich direkt mit ihnen konfrontiert war, als ich anfing, mein Leben mit ihnen zu teilen. Genauso ist es mit der Natur. Tun sie, was sie als Kind immer getan haben. Gehen Sie raus, freuen Sie sich über die Natur, die Pflanzen, die raschelnden Blätter, den Wind und den Regen im Gesicht. Schauen Sie in den Himmel, legen Sie sich ins Gras, sammeln Sie Walnüsse und vergessen Sie alle ernsten Versuche, Gutes zu tun.

Nehmen Sie Ihr Leben in die Hand, freuen Sie sich an jedem Augenblick, geben Sie sich nicht mit den Erkenntnissen und angestrengten Bemühungen von heute zufrieden. Hören Sie auf zu kämpfen und entspannen Sie sich. Greifen Sie nach den Sternen und freuen Sie sich, dass Sie sie noch nicht erreichen können.

Es gibt keine Umwelt, die wir retten könnten, keine Natur, die wir retten könnten, niemanden, der irgendetwas retten könnte und nichts, das gerettet werden müsste. Wenn wir das nicht verstehen, dann bleibt unser Leben ein einziger Kampf und Krampf, der all das hervorbringt, was wir hinter uns lassen wollen. Auf der Basis dieses Verständnisses aber , können wir ganz gelassen, heiter und friedlich alles geben, was wir haben.

Entwickeln Sie Ihr Potential voll und ganz und vergessen Sie dabei nicht: am Ende gibt es nichts zu erreichen. Geniessen Sie den goldenen Herbst während Sie nach den Sternen greifen. Das ist die einzige Möglichkeit, sie zu erreichen.

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