Monatsarchiv für Dezember 2006

 
 

Friede, Freude, Weihnachtsplätzchen

Endlich ist es wieder soweit: nur noch wenige Tage bis zum frohen Fest.Doch schon während ich dies niederschreibe, läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter. Die Vorweihnachtszeit erinnert mich an so viele Situationen des Lebens: die Zeit vor den gemeinsamen Familienferien, die Zeit kurz vor dem Beginn der Elternschaft, die schönen Phantasien von einem selbständigen Leben als Erwachsener, die man als Heranwachsender träumt, die Hoffnungen, die im Verliebtsein oder den Träumen von einem anderen Beruf, Wohnort, Partner oder Leben liegen.

Wo da die Parallelen sind, fragen Sie sich? Ganz einfach: im manchmal harten Aufeinanderprallen von Traum und Wirklichkeit. Und in dem allzu verbreiteten Unwissen darüber, wie aus einem Traum die erwünschte Wirklichkeit erschaffen werden kann und nicht das grosse Scheitern.

Ich habe eine kurze Recherche im Internet gestartet und fand meine Vermutung direkt bestätigt. Einer Umfrage des evangelischen Onlinemagazins “chrismon” aus dem Jahre 2001 zu Folge gaben 35% der Befragten als Grund für Streitigkeiten zu Weihnachten zu hohe Erwartungen an die Harmonie an.

Die Online-Ausgabe der Frauenzeitschrift “Brigitte” widmet gar vier Seiten dem heiklen Thema und macht drei Gründe für das beschränkte Glück verantwortlich:

  1. Zwang zur Freude.
  2. Das Problem mit Nähe und Distanz (Rückzug aus dem Familiengeschehen als Hochverrat an der kollektiven Besinnlichkeit…).
  3. Das Ausserkraft setzen von Alltagskompromissen (“Wenigstens an Weihnachten kann der Jüngste mal Kartoffeln essen”).

Der Grad an Enttäuschung und damit das Konfliktpotential steht gerne in direktem Verhältnis zu den Erwartungen an eine Situation oder einen Menschen. Sei es die Hoffnung auf umfassende Harmonie, langersehnte Nähe zu den geliebten Menschen, Anerkennung für Geleistetes in Form von wunderbaren Geschenken, sei es der Schnee, der nicht fällt und wenn er fällt, nicht liegenbleibt und was da noch so alles an vager und doch tiefsitzender Hoffnung über dem heiligen Fest schwebt.

Ist es so überrschend, das nicht eitler Friede herrschen kann, wo im Laufe des Jahres immer wieder Reibungen und mehr oder minder ausgepägte Konflikte den Alltag würzen? Ist es so verwunderlich, dass der abwesende, im Beruf verloren gegangene Vater sich auch an Weihnachten schwer tut, voll und ganz im Glück der Familie aufzugehen? Ist es komisch, dass man sich die lieben Kinder auch an Weihnachten, wenn Sie innig ins Spiel mit den Geschenken vertieft sind, ins Bett wünscht, um endlich mal Ruhe zu haben und diese sich, wie sonst auch, standhaft wehren?

Finden Sie es eigenartig, das Enttäuschungen vorprogammiert sind, wo ein äusserer Anlass alle und alles verwandeln soll und das Glück auf Erden aus dem Stehgreif, um nicht zu sagen, aus vollem Lauf für ein paar kurze Tage wahr werden soll?

Es ist beeindruckend, wie wir immer wieder mit ungebremster Geschwindigkeit, wie durch einen rosa Nebel im Hirn, in die Wirrnisse des Zwischenmenschlichen krachen ohne den geringsten Hinweis auf gelernte Lektionen aus den Geschehnissen des vergangenen Jahres.

Die Anregungen, welche der “Brigitte” Artikel gibt (die nicht nur für Weihnachten dienlich sind) möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

  • Respektieren sie die Interessen der anderen und schaffen Sie Freiräume.
  • Nehmen Sie sich vor, sich nicht zu streiten (Davon würde ich die Finger lassen…).
  • Bereiten Sie sich vor: “Womit muss ich rechnen? Wie kann ich die anderen besser verstehen? Wer Eltern hat, die schon älter sind, sollte akzeptieren, dass sie gewisse Dinge nach einem Schema machen, das mir fremd ist.”
  • Vermeiden Sie Reizthemen.
  • Sorgen Sie für Abstand zwischen Spinnefeinden.
  • Seien Sie höflich.

Und noch ein paar Anregungen von meiner Seite:

  • Setzen Sie dem Hut keinen Hut auf: werden Sie nicht ärgerlich, wenn es zu Konflikten kommt.
  • Stellen Sie sich darauf ein, dass die Wunder, die zu Weihnachten geschehen sich im Rahmen halten und die Menschen und die Beziehungen, die Sie mit Ihnen leben in vertrauten Bahnen ablaufen.
  • Rechnen Sie nicht mit Streit, aber fallen Sie nicht aus allen Wolken, wenn es dazu kommt.
  • Gehen Sie davon aus, dass die Konfliktursache und die Konfliktlösung nicht ausserhalb von Ihnen liegen.
  • Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten Konflikte zu entschärfen.
  • Geben Sie sich selbst Raum, um bei sich selbst anzukommen, Ihren Gedanken nachzugehen und zu entspannen.
  • Lassen Sie Ihre grossen Hoffnungen an Friede, Freude, Weihnachtsplätzchen los und freuen Sie sich darüber, dass Sie es mit lebenden Menschen zu tun haben.

Dramatisches Zwischenspiel in Ausschnitten aus “Nicht nur zur Weihnachtszeit” von Heinrich Böll:

“Tante Milla war in der ganzen Familie von jeher wegen ihrer Vorliebe für die Ausschmückung des Weihnachtsbaumes bekannt.”
“Die Zähigkeit, mit der sie darauf bestand, dass alles so sein sollte wie früher, entlockte uns nur ein Lächeln.”
“Als mein Vetter Johannes am Abend des Lichtmesstages begann, den Schmuck vom Baum zu lösen, fing meine bis dahin so milde Tante jämmerlich zu schreien an.”
“Tante Milla schrie so lange, bis mein Onkel Franz auf die Idee kam, einen neuen Tannenbaum aufzustellen. Während die Tante schlief, wurde der Schmuck vom alten Baum ab- und auf den neuen montiert, und ihr Zustand blieb erfreulich.”
“Einige vage Versuche, die Feier abzubrechen oder ausfallen zu lassen, wurden mit solchem Geschrei vonseiten meiner Tante quittiert, dass man von derlei Sakrilegien endgültig Abstand nehmen musste.”
“Inzwischen haben die abendlichen Feiern im Hause meines Onkels eine fast professionelle Starre angenommen.”
“Onkel Franz war der Erste, der die Idee hatte, sich von einem Schauspieler bei der abendlichen Feier vertreten zu lassen.”
“Inzwischen ist es mir gelungen, durchzusetzen, dass die Kinder durch Wachspuppen ersetzt werden.”

So schlimm wird es schon nicht kommen…

Nun hoffe ich, nein, ich bin überzeugt, dass Ihnen solche Auswüchse der besinnlichen Besinnungslosigkeit erspart bleiben. Ich jedenfalls kann ein wenig erleichtert und frohgemuter auf Weihnachten zu gehen: Weihnachten nicht als Gelegenheit, die Erfüllung meiner grossen Erwartungen, Wünsche und Sehnsüchte einzufordern, in der Hoffnung der Zauber der Kindertage möge dadurch zurückkehren.

Sondern Weihnachten als Zeit des Loslassens meiner grossen Forderungen an das Leben und meine Mitmenschen, als Zeit, mich überraschen zu lassen, von Geschenken, von Begegnungen, von Stimmungen und gemischten Gefühlen.

Und als Zeit, die Dinge, die Mitmenschen und mich selbst nicht ernster zu nehmen als nötig und auf alles, auch die grossen Wünsche und Hoffnungen, mit einem leisen Lächeln zu schauen. Und wer weiss: vielleicht gehen die tiefsten Wünsche und Sehnsüchte dadurch in Erfüllung, dass wir uns entspannen und das Leben, unsere Mitmenschen und uns selbst für die Verwirklichung dieser Wünsche nicht so heftig in die Pflicht nehmen.

Ich wünsche Ihnen eine lebendige Weihnachtszeit.

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Was heisst hier Erfolg

Was heisst hier Erfolg?

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Eine Gelegenheit, die viele nutzen, um Revue passieren zu lassen, was sie in diesem Jahr erreicht haben. Um sich zu fragen: “Hat es sich gelohnt? War es ein erfolgreiches Jahr?” Eine gute Frage, wie ich finde. Eine Frage, die eine genauere Untersuchung verdient. Denn Sie wissen ja: ich nehme nichts als gegeben und stelle alles in Frage. In diesem Fall eine Frage selbst.

Wie beantworten Sie diese Frage? Waren Sie erfolgreich? Überdurchschnittlich erfolgreich? Sind Sie rundherum zufrieden?
Herzlichen Glückwunsch!! Ich rate Ihnen eindringend: lesen Sie bitte nicht weiter. Sie verschwenden nur Ihre Zeit.

Sie sind noch da? Sie sind nicht ganz zufrieden? Sie haben das Gefühl nicht so erfolgreich zu sein, wie Sie sich das wünschen? Nun denn, ran an die Bulletten (1. Teil).

Nehmen wir diese Sache mal unter die Lupe. Wie Sie die Frage nach Erfolg oder Misserfolg beantworten, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, woran Sie Erfolg messen:

  • An den Zielen, die Sie sich selbst gesteckt haben? (Haben Sie sich überhaupt klare Ziele gesteckt?)
  • An den “allgemein gültigen” Zielen unserer Gesellschaft, Ihrer Freunde und Kollegen?
  • An dem etwa, was allgemein als erstrebenswert und wichtig gilt?

Und was heisst Erfolg? Dass Sie Ihre Ziele in vollem Umfang erreicht haben? Dass Sie wesentliche Teilziele erreicht haben?
Oder auch: dass Sie auf dem Weg zu Ihrem Ziel ganz andere Erfolge feierten, als die geplanten?

Niemand ist so hart mit uns, wie wir selbst. Das Dumme ist nur, dass wir nicht froh dabei werden. Vielleicht braucht es gar nicht so viel, um zufrieden mit dem eigenen Leben zu sein. Vielleicht nur ein bisschen mehr Beweglichkeit bezogen auf uns selbst und die Kriterien, die wir an unser Leben und Leisten anlegen.

Wenn Sie sich als nicht so erfolgreich einschätzen:
Haben Sie sich Unmögliches vorgenommen? Haben Sie die Kriterien für wohlgeformte Ziele ausser acht gelassen? Klein, messbar, sinnesspezifisch, selbst-initiierbar, interessant? Haben Sie einmal mehr so getan, als wären grosse Projekte kleine Ziele? Haben Sie sich zu wenig um Unterstützung gekümmert: von Freunden, Familienmitgliedern, Kollegen, Profis? Sind Sie sehr anspruchsvoll und grundsätzlich selten zufrieden mit Ihren Ergebnissen?

Ich möchte Ihnen vorschlagen, die ursprüngliche Frage zu erweitern, sodass die Ergebnisse freundlicher, ressourcenvoller und lösungsorientierter werden. Einverstanden?

Ran an die Bulletten (2. Teil).
Wie hat Sie dieses Jahr reicher gemacht – an Erfahrung, an Wissen, an Beziehungen? Was haben Sie Neues gelernt über ihre Mitmenschen, ihre Freunde, Kollegen, ihre Welt?

Inwiefern hat dieses Jahr Ihren Dickkopf ein bisschen dünner gemacht und Ihre Rüstung weicher? Durch welche Erlebnisse sind Sie weiser geworden und wo konnten Sie zum Glück und Erfolg anderer ein kleines Stückchen beitragen? Worüber konnten Sie sich freuen, wie ein kleines Kind? Welche Momente haben Sie in unglaublicher Intensität genossen? Wo konnten und können Sie jetzt besser über sich selbst lachen? Welche Schicksalsschläge haben Sie zugleich offener und stärker gemacht?

Und was lernen Sie aus alledem für das kommende Jahr: Ihre Prioritäten, Ihre Ausrichtung, Ihre Projekte und Wünsche?

Wie wesentlich es für Sie ist, die Frage nach dem Erfolg positiv zu beantworten, hängt davon ab, ob Sie Erfolg als etwas Wesentliches empfinden. Und davon, ob Sie sich selbst sehr stark über Erfolg und Niederlage definieren. Wie wäre es, wenn Sie sich daran messen würden, wieviel Geschick und wieviel Mut Sie an grossen Herausforderungen beweisen, auch wenn Ihnen ein endgültiger Erfolg manchmal verwehrt bleibt. Denn was heisst schon endgültig?

Wie wäre es damit:
Das Wichtigste, dass es, früher oder später, zu entwickeln gilt, ist die Fähigkeit, die hehren Ziele, Erfolge und all das Erreichte loslassen zu können. Wieso nicht jetzt damit anfangen?

Ich behaupte zweierlei:

  1. “Erfolge” sind die Zwischenstationen eines engagierten und erfüllten Lebens.
  2. “Misserfolge” sind die Zwischenstationen eines engagierten und erfüllten Lebens.

Was lernen wir daraus? Ein engagiertes und erfülltes Leben ist nicht abhängig von Erfolg und Misserfolg, sondern misst sich an anderem. Für mein Gefühl daran, ob wir unsere Potentiale entwickeln, unsere Fähigkeiten und unsere Energie in den wesentlichen Bereichen unseres Lebens einbringen, authentisch und lebendig unsere Beziehungen leben und unseren Stolz und falschen Ehrgeiz loszulassen bereit sind.

In diesem Sinne möchte ich hier noch ein Text, den ich sehr inspirierend finde, zitieren. Gemeinhin wird er Jorge Luis Borges zugeschrieben:

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
würde ich im nächsten Leben versuchen:
mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weisst, aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken; vergiss nicht den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich vom Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst hinein barfuss gehen.

In diesem Sinne (barfuss in Flipflops an meinem Schreibtisch):
Ihnen noch eine besinnliche und entspannte Adventszeit.

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